"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Donnerstag, 8. Juni 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E11: "Bounty"

Es gehört zu den oft belächelten Eigenheiten von Star Trek – The Original Series, dass die Enterprise in schöner Regelmäßigkeit auf Planeten stößt, deren Kultur bis ins Detail einer vergangenen Epoche der Erdgeschichte gleicht. Sei es das Chicago der 20er Jahre in A Piece of the Action, Nazideutschland in Patterns of Force, die nordamerikanischen Indianer in The Paradise Syndrome oder der Wilde Westen in Spectre of the Gun. Der Grund für diese bizarren Szenarien war selbstverständlich Kostenersparnis. Die entsprechenden Sets, Kostüme und Requisiten waren bereits vorhanden, und die Drehbuchschreiber mussten sich bloß noch eine mehr oder minder hanebüchene Erklärung dafür ausdenken, warum sich Kirk & Co plötzlich unter Chicagoer Gangstern oder Weltraum-Nazis wiederfinden.
Angesichts des winzigen Budgets von Blake's 7 verwundert es nicht, dass auch Terry Nation und Chris Boucher wenigstens einmal den alten Trek-Trick bemühten. Natürlich hatte man schon zuvor mehrfach irgendwelche ordinären britischen Fabrikanlagen als Kulisse verwendet, doch hatten diese Militärbasen der Föderation vorstellen sollen. In Bounty bekommen wir mit dem Waterloo Tower aus dem Quex Park in Kent erstmals ein Gebäude präsentiert, das auch in der Realität der Serie einem irdischen Bauwerk aus einer vergangenen Ära nachempfunden sein soll.

Nach einer vernichtenden Wahlniederlage hat Sarkoff (T.P. McKenna), Ex-Präsident des Planeten Lindor, der Politik den Rücken gekehrt und sich in ein selbstgewähltes Exil unter der "freundlichen Obhut" der Föderation zurückgezogen, wo er sich nun in Selbstmitleid und Misanthropie ergeht. Außerdem kann er dort ungestört seinem Hobby, der alten Erdkultur, frönen – was erklärt, warum seine Residenz wie der Waterloo Tower aussieht und er selbst von seiner die Rolle der Chauffeurin/Butlerin spielenden Tochter Tyce (Carinthia West) in einem alten Rolls Royce (?) durch die Gegend kutschiert wird.
Dieses trügerische und etwas traurige Idyll wird zerstört, als Blake und Cally aufkreuzen und Sarkoff davon zu überzeugen versuchen, dass er auf seine Heimatwelt zurückkehren müsse. Die Wahlen seien ein abgekartetes Spiel der Föderation gewesen, um den prinzipientreuen Präsidenten loszuwerden. Nun drohe Lindor in poltitischen Fraktionskämpfen zu versinken, die sich bis zum Bürgerkrieg steigern könnten, woraufhin die Föderation "friedenssichernde" Truppen auf den Planeten entsenden und ein Marionettenregime errichten werde.
Derweil unsere beiden Helden den halsstarrigen Sarkoff bearbeiten {wobei Blake wieder einmal ein mitunter etwas fragwürdiges Verhalten an den Tag legt}, folgt die im Orbit befindliche  Liberator dem Notruf eines mysteriösen Schiffes, was den Auftakt zur zweiten Geschichte bildet, die Bounty zu erzählen versucht.

Und damit wären wir auch schon bei einem der fundamentalen Probleme dieser Episode. Sie besteht aus zwei Stories, die in keiner erzählerisch sinnvollen Beziehung zueinander stehen und nur deshalb in einer Folge zusammengefügt wurden, weil Terry Nation einfach nicht wusste, wie anders er die fünfzig Minuten Sendezeit hätte füllen sollen. Und selbst dann noch war sein Script zu knapp, und Regisseur Pennant Roberts sah sich gezwungen, einige Szenen künstlich in die Länge zu ziehen.

Das traurige dabei ist, dass ich den Sarkoff-Teil von Bounty wirklich mag.
Die Szenen, in denen Cally und Blake durch den Quex Park schleichen, den Ex-Präsidenten in seinem Oldtimer durch die Gegend fahren sehen und schließlich in den Waterloo Tower einsteigen, besitzen einen bizarren Low Budget - Charme. Sarkoffs "Privatmuseum" mit seinem Grammophon, seinen aufgespießten Schmetterlingen und seinen {vorsorglich stets feuerberiten} "vorsintflutlichen" Pistolen ist gleichfalls ein hübsch absurdes Set.
Auch gelingt es T.P. McKenna und Carinthia West*, Sarkoff und Tyce zu sehr lebendigen und sympathischen Figuren zu machen: Er der von der Menschheit enttäuschte Idealist, der seinen Zynismus und sein Selbstmitleid in einen Gestus der Abgeklärtheit zu kleiden versucht. Sie die unerschütterlich loyale Anhängerin und Tochter, die dennoch sehr schnell die sich ihr bietende Gelegenheit ergreift, um ihren Vater aus seiner Lethargie herauszureißen, damit er endlich wieder zu der Persönlichkeit wird, die sie liebt und bewundert.
Hinzu kommt, dass das Vorgehen der Föderation auf Lindor an zahllose "Regime Change" - Operationen erinnert, wie sie bis heute zum gern benutzten Inventarium westlicher Großmachtpolitik gehören. Wie oft haben wir miterleben müssen, wie die USA oder andere Großmächte bewusst die Destabilisierung einer existierenden Regierung vorangetrieben haben, um dann die {meist katastrophalen} Folgen als Vorwand für eine "humanitäre Intervention" der einen oder anderen Art zu nutzen.

Tja, doch leider haben wir da noch die zweite Story.
Dabei ist diese für sich genommen gar nicht einmal so übel: Eine Gruppe von Weltraumpiraten {mit einer unglücklichen Vorliebe für pseudo-arabisch/mesopotamische Gewänder} hat die Liberator gekapert. Ihr Anführer Tarvin (Marc Zuber) ist ein alter Bekannter aus Jennas Vergangenheit. Die Ex-Schmugglerin wechselt scheinbar die Seiten, und schon bald finden sich Blake, Cally, Avon, Vila und Gan als Gefangene auf ihrem eigenen Schiff wieder. Doch während Tarvin bereits von dem fetten Kopfgeld träumt, das die Föderation ihm zahlen wird, arbeitet die Gang schon eifrig daran, die Liberator zurückzuerobern.
Dieser zweite Teil von Bounty enthält genug nette Momente: Einmal mehr werden wir Zeugen der Kompetenz von Jenna, Vila und Avon, während Gan erneut seine Neigung zu gewalttätigem Verhalten zeigt. Als Zuschauer werden wir zwar kaum an den "Verrat" Jennas glauben, doch es ist nett, einen kurzen Einblick in ihre Vergangenheit zu erhalten. Und dass die meisten ihrer Gefährten sie für fähig halten, ihre Freunde zu verkaufen, ist gleichfalls nicht uninteressant.
Leider jedoch wirken Sarkoff und Tyce wie absolute Fremdkörper in diesem Szenarium. Was sie ja auch sind. Es wird nicht einmal so recht klar, war Tarvin mit ihnen anzustellen gedenkt. Alle halbherzigen Versuche, die beiden dennoch in die Handlung einzuflechten, hinterlassen einen extrem gekünstelten Eindruck.

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* Nebenbei bemerkt scheint die Schauspielerin,  Journalistin & Fotographin Carinthia West eine faszinierende Persönlichkeit zu sein, wie z.B. ein Blick in diesen Artikel aus Vanity Fair zeigt

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