"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 16. Juli 2017

Lythe and listin, gentilmen

Lythe and listin, gentilmen,
That be of frebore blode;
I shall you tel of a gode yeman,
His name was Robyn Hode.

Robyn was a prude outlaw,
Whyles he walked on grounde:
So curteyse an outlaw as he was one
Was nevere none founde.

A Gest of Robyn Hode (15. Jahrhundert) 


{Mein leider etwas überhastet beendeter Beitrag zu dem von Fritzi Kramer (Movies Silently) ausgerichteten #Swashathon. Die vollständige Liste all der fantastischen Beiträge zu dieser Feier des Swashbuckler-Genres hat Fritzi hier zusammengestellt.} 

Die Ursprünge der Erzählungen um Robin Hood und seine Merry Men liegen verborgen im Dunkel der Geschichte. Gab es einen realen Vogelfreien dieses Namens im mittelalterlichen England, an dessen Taten sich die Volksfantasie entzündete und die zur Entstehung der ersten Balladen über seine Abenteuer führten? Lebte in seiner Figur etwas vom rebellischen Geist der ketzerischen Lollarden und des großen Bauernaufstands von 1381 fort? – Es gibt Leute, die überzeugt davon sind, doch handfeste Belege für solche Theorien sind bestenfalls spärlich gesät.
Zwar spielt William Langland bereits um 1370 in seinem berühmten Piers Plowman auf die Existenz von "rymes of Robyn Hode" an, doch die ältesten erhalten gebliebenen Balladen lassen sich allerhöchstens auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts zurückdatieren. Die Robin Hood - Spiele, die in vielen ländlichen Gemeinden Englands aufgeführt wurden, stellten möglicherweise sogar die ältere Überlieferungsform dar, doch über ihren konkreten Inhalt wissen wir nur wenig. 

Wie auch immer man die frühen Balladen im Detail interpretieren will, eines steht zweifelsfrei fest – Robin Hood war ursprünglich ein volkstümlicher Held, ein einfacher Yeoman, der zusammen mit seinen Gefährten Little John, Will Scarlet/Scarlock und Much "the Miller's Son" ein "freies Leben in den Wäldern" führt, das im Gegensatz zu den im Sherriff von Nottingham verkörperten Mächten der Stadt und des frühen Staates steht. Friar Tuck stößt erstmals in dem Spiel Robyn Hod and the Shryff off Notyngham (ca..1475) zu der munteren Schar. Auf welchem Weg Maid Marian Aufnahme in den Kreis fand, ist nicht ganz klar. Ihre Figur scheint ursprünglich aus den Maifestspielen zu stammen. Zusammen mit Robin Hood wird sie erstmals in Alexander Barclays vierter Ekloge (1500) genannt, die dieser später seiner Nachdichtung von Sebastian Brants Narrenschiff hinzufügte: "Yet would I gladly heare some merry fit/ Of Mayde Marione, or els of Robin Hood". Die für uns heute so selbstverständliche zeitliche Verortung der Geschichten in die Ära von Richard Löwenherz (R 1189-99) und John Lackland (R 1199-1216) findet sich zuallererst in John Majors Historia Majoris Brittaniae (1521).

In  Richard Graftons Chronicle at Large (1569) begegnen wir dann dem ersten Schritt zur "Gentrifizierung" des Volkshelden. Dort heißt es von ihm: "[I]n an olde and auncient Pamphlet I finde this written of the sayd Robert Hood. This man (sayth he) discended of a nobel parentage: or rather beyng of a base stocke and linage, was for his manhoode and chivalry advaunced to the noble dignité of an Erle." Seine endgültige Verwandlung in einen Adeligen vollzog sich im Rahmen des Elisabethanischen Dramas. Während die Tudor-Reformation den einst so beliebten volkstümlichen Robin Hood - Spielen ein Ende bereitete, kam es gleichzeitig zu einer Übersiedelung des Vogelfreien auf die städtische Theaterbühne. Vor allem Anthony Mundays Dramen The Downfall of Robert, Earle of Huntington und The Death of Robert, Earle of Huntington (1599) hatten einen prägenden Einfluss auf die weitere Entwicklung des Stoffes. Als Bühnenstücke heutzutage weitgehend in Vergessenheit geraten, waren sie zu ihrer Zeit doch beachtliche Publikumserfolge und inspirierten möglicherweise sogar William Shakespeare zu seinem eigenen "Outlaw - Drama" As You Like It. Sie kanonisierten nicht bloß die Identifikation von Robin Hood mit dem Earl of Huntingdon, sondern führten auch Motive wie die Verwandlung von Little John in einen Gefolgsmann des Earls und Maid Marians Zugehörigkeit zur adeligen Sippe der Fitzwalters ein, denen man später immer mal wieder in Romanen, Theaterstücken und Filmen begegnet.

Die Aneignung des Stoffes durch ein aristokratisches und bürgerliches Publikum bedeutete freilich nicht das Ende für seine volkstümliche Erscheinungsform. In den äußerst populären Robin Hood - Balladen des 17. Jahrhunderts, die als "Broadsides" (einzelne Druckseiten) und "Garlands" (anthologieartige Büchlein) ein Massenpublikum erreichten, finden sich zwar immer mal wieder deutliche Spuren der "Gentrifizierung", doch stellen sie im Ganzen gesehen eher eine Fortsetzung der älteren Traditionen dar.

Als die Romantiker Anfang des 19. Jahrhunderts den Stoff erneut aufgriffen, bedienten sie sich bei beiden Versionen. So ist Robin Hood in Walter Scotts Ivanhoe (1820) als Locksley ganz der alte Yeoman, wenn auch patriotisch-angelsächsisch eingefärbt und zur Nebenfigur in der Geschichte eines adeligen Helden herabgestuft. Thomas Love Peacock andererseits wendet sich in Maid Marian (1822) ganz der "edelmännischen" Version vom Earl of Huntigdon und seiner Angebeteten Marian Fitzwalter zu.

In Amerika wurde Robin Hood wohl vor allem auf dem Weg über Walter Scotts äußerst populären Roman heimisch. Wie der Theaterkritiker der New York Times in seiner Besprechung der Uraufführung von Alfred Lord Tennysons The Foresters 1892 schreibt: "It tells anew the story of Robin Hood and his merry men that every person who reads at all reads at ten years in the nursery books and at sixteen in 'Ivanhoe'." Besagtes Theaterstück, zu dem Arthur Sullivan die Musik geschrieben hatte, knüpft vor  allem an die "edelmännische" Tradition an. Und auch wenn ich selbst es für ziemlich unverdaulich halte, feierte es seinerzeit doch große Erfolge auf Amerikas Bühnen. Woraus man allerdings nicht die Schlussfolgerung ziehen sollte, dies sei von nun an die allgemein anerkannte Version der Geschichte in den USA gewesen. Howard Pyles 1883 veröffentliche, äußerst charmante Nacherzählung der Merry Adventures of Robin Hood war mindestens ebenso einflussreich, und in ihr erscheint unser Held wieder als der ursprüngliche einfache Yeoman, der gegen die Reichen und Mächtigen aufbegehrt.

Als Hollywood sich Robin Hood zuwandte, stand es deshalb keineswegs von vornherein fest, aus welcher Quelle man schöpfen würde.



Der großartige, 1922 in die Kinos gelangte Streifen war nicht die erste filmische Adaption des Stoffes. Vielmehr hatten zwischen 1908 und 1913 bereits fünf andere amerikanische und britische Robin Hood - Filme das Licht der Kinowelt erblickt. Doch der unter der Regie von Allan Dwan gedrehte Robin Hood mit Douglas Fairbanks in der Hauptrolle war ohne Zweifel der aufwendigste, erfolgreichste und wirkmächtigste Auftritt des Vogelfreien in der Stummfilmära. Ein regelrechter Blockbuster seiner Zeit, spielte er auf dem amerikanischen Markt $ 2.500.000 ein, und seine beeindruckenden Kulissen – die königliche Burg und das mittelalterliche Nottingham – galten schon bald völlig zurecht als legendär.

Wenn Douglas Fairbanks mit The Mask of Zorro (1920) in mancherlei Hinsicht die Gestalt von Kaliforniens maskiertem Rächer der Enterbten für den Film kodifizierte – wie Fritzi in ihrer Besprechung des Streifens beschrieben hat  –, gilt vergleichbares auch für seinen Robin Hood. Und so ist es durchaus nicht nebensächlich, dass er sich für die "edelmännische" Variante der Figur entschied. Von einigen signifikanten Ausnahmen wie Richard Lesters Robin and Marian (1976) abgesehen, bleibt der große Vogelfreie über Jahrzehnte – von Michael Curtiz' The Adventures of Robin Hood (1938) bis zu Kevin Reynolds Prince of Thieves (1991) – auf der Leinwand ein Adeliger. 
Es ist müßig, darüber zu spekulieren, warum Fairbanks sich bei der Entwicklung der Story und des Drehbuchs der einen und nicht der anderen Variante zuwandte. Diese Entscheidung als bewussten Versuch zu interpretieren, die Figur des Rebellen in Lincoln-Grün motivisch zu "entschärfen" und damit für Hollywoods Traumfabrik akzeptabel zu machen, halte ich jedenfalls für etwas unfair.
Wie wir gesehen haben, erfreuten sich beide Versionen der Geschichte großer Beliebtheit. Und wenn Fairbanks sich für die "edelmännische" Variante entschied, so wohl vor allem, weil er weniger eine Rebellensaga als vielmehr ein prachtvolles Mittelalterspektakel auf die Leinwand bringen wollte – einen würdigen Nachfolger für seine ersten beiden Swashbuckler-Abenteuer The Mask of Zorro (1920) und The Three Musketeers (1921). Und das ist ihm und Alan Dwan ohne Frage auf grandiose Weise gelungen. Auch werden wir noch sehen, dass sich dabei auf einer subtileren Ebene durchaus etwas vom rebellischen Geist des alten Stoffes erhalten hat.

Der Film beginnt mit einem prachtvollen Turnier, zu dem König Richard Löwenherz die Blüte der englischen Ritterschaft zusammengerufen hat, bevor man gemeinsam zum Kreuzzug ins Heilige Land aufbrechen wird. Als finale Kontrahenten treten dabei Richards Favorit Huntingdon (Douglas Fairbanks) und Guy of Gisbourne (Paul Dickey), ein Günstling Prinz Johns, gegeneinander an. Wie es sich für einen guten Bösewicht gehört, bedient sich Gisbourne, der vergebens die Gunst der schönen Turnierkönigin Marian Fitzwalter (Enid Bennett) zu erlangen versucht, selbstverständlich unfairer Methoden. Was nicht verhindern kann, dass ihn der ritterliche Huntingdon mit der Lanze aus dem Sattel hebt.

Als alter Mediävistik-Nerd kann ich es mir nicht verkneifen, hier kurz darauf hinzuweisen, dass die Gestalt, die Hollywood üblicherweise mittelalterlichen Turnieren verleiht, mit der Realität des 12. Jahrhunderts wenig bis gar nichts zu tun hat. Die wirklichen Turniere jener Zeit waren Massenkämpfe, bei denen berittene Verbände gegeneinander antraten, die Dutzende oder gar Hunderte von Mitgliedern zählten. Erst im Laufe des 13. Jahrhunderts entwickelte sich mit dem sog. "Tafelrundenturnier" eine Form des Wettkampfs, bei der die Tjost – das Lanzenstechen zweier Kontrahenten – in den Mittelpunkt rückte, und die auch in ihrem Zeremoniell eine größere Ähnlichkeit mit der filmischen Fantasieversion aufwies. Ich vermute, dass Walter Scotts Schilderung des Turniers von Ashby im Ivanhoe die primäre Inspirationsquelle für Hollywoods Idee von einem ritterlichen Wettstreit gewesen ist.

Tatsächlich vermittelt der ganze erste Akt von Robin Hood ein wenig das Gefühl, als habe dabei eher Ivanhoe, denn irgendeine Version der Geschichte des Vogelfreien von Sherwood Forest Pate gestanden. Sympathischerweise verfällt der Streifen dabei jedoch nicht in den etwas steif-pompösen Tonfall, den wir aus Ritterfilmen wie Richard Thorpes Mittelalter-Trilogie der 50er Jahre (Ivanhoe, Knights of the Round Table, Quentin Durward) gewohnt sind. Am deutlichsten zeigt sich das an der Gestalt von Richard Löwenherz. Wenn wir den König zum ersten Mal zu sehen bekommen, beißt er gerade herzhaft in eine Hammelkeule. Der von Wallace Beery grandios gespielte Monarch ist keine gravitätische Herrscherfigur, sondern ein jovialer Bursche, der gerne lacht, isst und Späße macht. Dass sein Bruder John (Sam De Grasse) ein rechter Bösewicht ist, zeigt sich schon daran, dass er die ganze Zeit über griesgrämig vor sich hin brütet.

Dennoch sind es nicht Richards übermütige Verkuppelungsversuche, die den guten Huntingdon von seiner übergroßen Scheu gegenüber Frauen heilen (welche zuvor zu einem unfreiwilligen Bad im Burggraben geführt hatte!), sondern Prinz Johns schurkisches Verhalten. Als dieser Marian gewaltsam bedrängt, zögert unser Held nicht, sondern verweist den betrunkenen Möchtegernkönig in seine Schranken. Daraus entwickelt sich natürlich augenblicklich eine leidenschaftliche Romanze, die uns zu der wunderschönen Szene führt, in der Marian am Morgen des Abschieds Huntingdons Schattenriss auf die Burgmauer zeichnet.

Trotz seiner motivischen Nähe zu Ivanhoe bedient sich der Film eigenartigerweise nicht der historischen Gefangennahme Richards durch Leopold von Österreich, um die anhaltende Abwesenheit des Königs zu erklären, welche es Prinz John erlaubt, seine Tyrannei aufzurichten.
Kaum hat das Kreuzfahrerheer die Grenzen Englands überschritten, da machen sich John und seine Helfershelfer auch schon daran, die guten königlichen Beamten gegen Kreaturn wie den High Sherriff von Nottingham (William Lowery) auszutauschen, das Volk auszuplündern und jeden Widerstand mit Folter und Tod zu bestrafen. Marian schickt daraufhin Huntingdons treuen Knappen (Alan Hale) zu seinem Herrn mit der dringenden Bitte, in das geknechtete England zurückzukehren. Als dieser die Botschaft seiner Geliebten erhält, entscheidet er sich dazu, den König im Dunkeln über die Entwicklungen in der Heimat zu lassen, da Richard andernfalls den Kreuzzug abbrechen werde. Damit verschafft er Guy of Gisbourne die Gelegenheit, ihn als Deserteur und Verräter zu denunzieren, was zu seiner Einkerkerung führt.
Huntingdons Motivation wirkt an dieser Stelle vielleicht etwas eigenartig, und seine damit nötig gewordene Flucht aus dem Turmverlies ließe sich leicht als eine für die Handlung überflüssige Szene kritisieren, doch wie dem auch sei, auf jedenfall ist damit die Voraussetzung für die Verwandlung des edlen Ritters in den Vogelfreien geschaffen. Als Huntingdon nach seiner Rückkehr in die Heimat erfahren muss, dass Marian in der Zwischenzeit auf der Flucht vor Prinz Johns Schergen den Tod gefunden haben soll, stellt er sich an die Spitze einer Schar furchtloser Rebellen, die von Sherwood Forest aus einen Guerillakrieg gegen den Usurpator eröffnet haben. Huntingdons Knappe übernimmt wie zu erwarten die Rolle von Little John.

Es ist über eine Stunde vergangen, bevor Douglas Fairbanks erstmals im klassischen Robin Hood - Kostüm auf der Leinwand erscheint. Man könnte die Meinung vertreten, die Komposition des Films sei in dieser Hinsicht etwas unausgewogen. Denn so hübsch das Ritterspektakel in der ersten Hälfte auch ist, bleibt dadurch doch nur verhältnismäßig wenig Zeit für die tollkühnen Abenteuer Robins und seiner Merry Men. Dennoch neige ich dazu, es etwas anders zu sehen.
Der Film vermittelt den Eindruck, als habe Huntingdon mit dem Ablegen des ritterlichen Harnischs eine unbändige Energie und Vitalität in sich entfesselt, die von nun an jede seiner Handlungen erfüllt. Robin Hoods erster Auftritt in der königlichen Burg ist eine wahre Tour de force, die einmal mehr zeigt, warum Douglas Fairbanks der König der frühen Swashbuckler war. Es ist jedesmal ein Vergnügen, die athletisch-spielerische Eleganz seiner Bewegungen zu bewundern. Da wird gerannt, gesprungen, geklettert, gekämpft und gelacht, dass es eine wahre Freude ist. Man hat beinah das Gefühl, unser Held sei ein neuer Mensch geworden.
Dass wir ihn zuvor eine Stunde lang in der Rolle des höfischen Rittersmanns erlebt haben, steigert noch die Wirkung dieser Verwandlung und verleiht ihr eine auf subtile Art subversive Note.         

Zwar wird der Film es nicht müde zu betonen, dass Robin und seine Merry Men ihren Kampf im Namen des wahren Königs führen und ihr einziges Ziel in dessen Rückkehr auf den Thron besteht, doch auf visueller Ebene besitzt das Bild, das der Film von den Vogelfreien zeichnet, dennoch ein genuin rebellisches Moment. Ganz wie ihr Anführer sind auch sie ständig am rennen und springen, ja in gewisser Weise am "tanzen". Ein harscher Kontrast zu den in disziplinierten Kolonnen marschierenden Höflingen, die wir bei jedem größeren Ereignis am Königshof zu sehen bekommen. Die Gemeinschaft von Sherwood Forest erscheint so beinah als eine Art Utopia von Freiheit, Gleichheit und übersprudelnder Lebensfreude. Ihr markantester Vertreter ist dabei der von Willard Louis gespielte Friar Tuck. Wohl nicht zufällig bleibt der rauflustige Mönch von der finalen Szene des großen Hoffestes, mit dem die Restituierung der rechtmäßigen Herrschaft und die Hochzeit von Huntingdon und Marian gefeiert wird, ausgeschlossen.

Wohlgemerkt spricht der Film nichts von all dem offen aus. Auch bin ich mir ziemlich sicher, dass eine solche Lesart nicht bewusst intendiert war. Es ist eher so, als komme hier spontan der rebellische Geist des alten Stoffes zum Durchbruch, unabhängig von den Absichten der Drehbuchschreiber und des Regisseurs.

Doch selbst wenn man sich dieser Interpretation nicht anschließen kann, bleibt Douglas Fairbanks' Robin Hood ein grandioser Abenteuerfilm, der in seiner fröhlich-unbändigen Art auch nach bald hundert Jahren nichts von seinem ursprünglichen Charme eingebüßt hat.

Samstag, 15. Juli 2017

Strandgut der Woche

Samstag, 8. Juli 2017

Strandgut der Woche


Montag, 3. Juli 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E13: "Orac"

Star Trek IV: The Voyage Home rekapituliert die zum Verständnis wichtigen Ereignisse seines Vorgängers, indem der Film ganz einfach den klingonischen Botschafter dem Föderationsrat einige Szenen aus The Search for Spock vorspielen lässt, die als Material einer "Sicherheitskamera" ausgegeben werden und als Beweisstücke für einen angestrebten Kriegsverbrecherprozess gegen Kirk dienen sollen.

Dieselbe – vielleicht nicht eben elegante, aber doch irgendwie charmante – Methode verwendet auch Orac. Blake und Avon betrachten sich eine Video-Aufzeichnung aus dem {zuvor nie erwähnten} Logbuch der Liberator, die uns zusammen mit dem Audiokommentar alles nötige mitteilt, was wir über den Inhalt von  Deliverance wissen müssen. Ein weiteres Indiz dafür, dass man die beiden Episoden nur bedingt als Zweiteiler bezeichnen kann.
Diese putzige "In Universe" - Version von "Last Time on Blake's 7" mündet allerdings schon recht bald in sehr viel düsterere Gefilde, als Cally die Nachricht überbringt, dass sich Jenna, Avon, Vila und Gan durch ihren längeren Aufenthalt auf Cephlon eine tödliche Dosis radioaktiver Strahlung zugezogen haben. Ein Grund mehr, möglichst schnell Aristo zu erreichen, den geheimen Zufluchtsort von Ensor, der hoffentlich über die nötigen Medikamente verfügt. Wie Avon sehr treffend bemerkt: "It's ironic isn't it we are racing to deliver medical supplies that will save a man's life in the hope that he will have medical supplies that will save ours."
Der alte Ensor (Derek Farr) ist ganz der eigenbrötlerische Exzentriker ist, als den wir ihn uns vorgestellt haben. Am innigsten verbunden fühlt er sich offenbar seinen Aquariumsfischen und seinen Topfpflanzen, und es fällt schwer, zu glauben, dass er seine unterirdische Eremitenklause bis vor kurzem mit seinem Sohn geteil haben soll.  Dennoch ist er vernünftig genug, sein von Orac gesteuertes Sicherheitssystem zu aktivieren, sobald Servalan und Travis auf dem Planeten landen.
Die beiden sind deshalb gezwungen, in ein Netzwerk alter Kanalstollen hinabzusteigen, die einen alternativen Zugang zu Ensors Labor bilden, allerdings auch von den recht unfreundlichen "Phibians" bevölkert werden – neckischen Gumminmonstern, deren Auftritt leider zu einer etwas unglücklichen Szene Anlass gibt, in der Servalan für kurze Zeit in einen halbhysterischen Panikzustand verfällt. Selbst wenn man gewillt wäre, den sexistischen Unterton außer Acht zu lassen, passt diese Reaktion einfach nicht zu dem Eindruck, den wir bislang von der Obersten Befehlshaberin hatten. Freilich fängt sie sich wieder sehr schnell und erlaubt es Travis nicht, sein momentanes Überlegenheitsgefühl länger als ein paar Minuten auszukosten.
Als die Liberator in den Orbit um Aristo einschwenkt, wird Bordcomputer Zen plötzlich von einer fremden Macht übernommen, bei der es sich augenscheinlich um Orac handelt – dabei hatte nicht einmal Funkkontakt zur Oberfläche des Planeten bestanden. Dennoch fällt der Empfang etwas freundlicher aus, als bei Servalan und Travis. Schließlich kann Blake auf die Energiezellen verweisen, die sie im Auftrag von Ensor Jr. seinem Vater bringen wollen. Als er zusammen mit Cally hinunterteleportiert, taucht denn auch schon bald eine von Orac gesteuerte "Drone" auf, die sie zum regulären Laboreingang geleitet.
Unglücklicherweise erfordert der Austausch der Energiezellen in Ensors künstlichem Herz eine technisch-medizinische Expertise, über die weder Cally noch Blake verfügen. Die einzige Chance für den grummeligen alten Mann besteht darin, mit auf die Liberator zu kommen, wo die Operation unter Zens Anleitung gefahrlos durchgeführt werden könnte. Leider verhindert der Schutzschirm, den Orac um das Labor errichtet hat, dass sich die drei einfach hinaufteleportieren lassen. Und zu allem Überfluss tauchen auch noch Servalan und Travis auf, kurz nachdem sich Ensor endlich von seinen Pflanzen und Fischen verabschiedet hat. 
Während es zu einer kleinen Verfolgungsjagd durch die Tunnel kommt, beschließt Avon auf der Liberator, dass er nicht länger gewillt ist, einfach zu warten, während die Strahlenkrankheit seinen Körper zerfrisst. Gemeinsam mit dem unwilligen Vila teleportiert er sich auf die Oberfläche.

Orac ist nicht die beste Episode der ersten Staffel, bildet aber dennoch einen würdigen Abschluss.

Der alte Ensor ist eine äußerst sympathische Gestalt, und dass er die Folge nicht überlebt, kommt als ein kleiner Schock. Zumal er nicht etwa von den Bösewichtern erschossen wird. Sein Tod ist vielmehr äußerst undramatisch. Er setzt sich kurz hin, um etwas zu verschnaufen, und steht einfach nicht mehr auf. Möglicherweise wäre er ebenso gestorben, wenn Servalan und Travis nicht aufgetaucht wären. Die Liberator ist ganz einfach zu spät gekommen, um sein Leben zu retten.
Freilich ist Ensors Tod in gewisser Hinsicht eine erzählerische Notwendigkeit.
Eine der kurioseren Entscheidungen, die Terry Nation und Chris Boucher im Laufe der Entwicklung von Blake's 7 fällten, war es, Zen  – den Bordcomputer der Liberator  – zu einem der eponymischen Sieben zu machen. Dieser ist zwar ohne Frage eine Künstliche Intelligenz, doch würde es schwerfallen, ihm eine echte Persönlichkeit zuzusprechen. Wenn er hin und wieder recht eigenwillig zu handeln scheint, so geschieht dies aufgrund seiner Programmierung, und weniger aus eigener Intitiative heraus. Mit Orac hingegen stößt nun ein wirklicher Computer-Charakter zu unserer Gang. Das Elektronengehirn besitzt nicht bloß die Fähigkeit, sich in sämtlche anderen Computer einzuloggen und auf die in ihnen gespeicherten Informationen zuzugreifen, es verfügt außerdem über eine recht markante Persönlichkeit, die es von seinem Schöpfer geerbt hat. Orac ist überheblich, ungeduldig und wenig kooperationsfreudig. Statt sich mit den unpräzise formulierten Befehlen seiner menschlichen "Herren" herumzuärgern, würde er lieber seine eigenen Projekte verfolgen. Ohne Zweifel eine interessante Ergänzung für die Liberator -Crew, weshalb man verstehen kann, dass Terry Nation ihn als dauerhaftes Mitglied etablieren wollte, was schwergefallen wäre, hätte Ensor die Folge überlebt.
Doch die Szene, die mich selbst am meisten berührt hat, hat überhaupt nichts mit Ensor, Orac und den Ereignissen auf Aristo zu tun. Sie dreht sich vielmehr um die auf der Liberator zurückgebliebenen, die sich aufgrund ihrer rasch fortschreitende Strahlenkrankheit dem baldigen Tod gegenübersehen:
Avon hält Wache im Transporterraum. Als Jenna auftaucht, reagiert er ungehalten: "You were told to stay in your cabin." Sie ignoriert seinen Einwand und fragt, ob Blake und Cally sich inzwischen gemeldet hätten, was er verneinen muss. Ein lautes Stöhnen offenbart den beiden, dass auch Gan sich hierher geschleppt hat und hinter einer der Computerkonsolen liegt.
Avon: Not you as well. What are you doing down there?
Gan:  I don't like being on my own. Especially if I'm about to die.
Jenna: That's cheerful.
Gan: Sorry.
Avon: Is Vila on his way as well? 
Gan: No, he's doing his best to convince himself that he feels fine. Says we'll just remind him that he doesn't.
Avon: Sometimes he shows distinct signs of intelligence. Why don't you return to your quarters. I'll let you know the moment I hear anything.
Jenna: I'll stay. I think it's better if there are two of us standing by.
Gan: Better still if there are three of us.
Avon: Better still if you ...
Avon beendet den Satz nicht. Keiner von ihnen will alleine sterben. Sie alle suchen die Gemeinschaft ihrer Kameraden. Ein Gefühl, das selbst der egozentrische Avon letztenends versteht und respektiert, ja das er vielleicht sogar teilt, auch wenn er das natürlich nie eingestehen würde.

Wie ich in meinem letzten Beitrag erwähnt habe, endet Orac mit einem Cliffhanger, der doch kein richtiger Cliffhanger ist: Als die Gang dem unwilligen Orac abverlangt, einen Beweis für seine angebliche Fähigkeit zu liefern, künftige Ereignisse exakt vorauszuberechnen, erscheint auf dem Teleschirm ein Bild der Liberator, die mitten im Flug durchj eine Explosion in Stücke gerissen wird ...

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Sonntag, 2. Juli 2017

“Are you awake, Count Magnus? Are you asleep, Count Magnus?”

If any man desires to obtain a long life, 
if he would obtain a faithful messenger 
and see the blood of his enemies, 
it is necessary that he should first go 
into the city of Chorazin, and there 
salute the prince of the air.

Liber nigrae peregrinationis

Im Sommer 1901 unternahm Montague Rhodes James – zu dieser Zeit Dean von King's College, Cambridge – einen ausgedehnten Urlaub in Schweden. Es ist anzunehmen, dass das Erlebnis dieser Reise zu den Inspirationen für seine Kurzgeschichte Count Magnus gehörte, die er vermutlich wenige Monate später niederschrieb, auch wenn sie einer breiteren Öffentlichkeit erst 1904 im Rahmen von Ghost Stories of an Antiquary zugänglich gemacht wurde.

Count Magnus gehört ohne Frage zu den bekanntesten Spukgeschichten von M.R. James. In seinem berühmten Essay Supernatural Horror in Literature beschreibt H.P. Lovecraft sie als "a veritable Golconda of suspense and suggestion" und widmet ihr eine sehr viel ausführlichere Zusammenfassung als irgendeinem anderen Werk des alten Monty.

Zum meinen persönlichen absoluten Favoriten zählt die Geschichte zwar immer noch nicht, aber eine erneute Lektüre hat mich doch einige ihrer Nuancen besser zu schätzen gelehrt. 
Als Mr. Wraxall auf einer Reise durch Schweden, bei der er Material für eine Art gelehrten Reiseführer sammelt, den alten Herrensitz von Råbäck in Västergötland besucht, wird ihm seine "over-inquisitiveness" schließlich zum Verhängnis. Er entwickelt eine übergroße Faszination für die Gestalt des Herzogs Magnus de la Gardie, der das Anwesen im 17. Jahrhundert errichten ließ. Der einstige Feudalherr der Region steht in keinem sonderlich guten Ruf. Ein Tyrann von ungezügelter Brutalität war er u.a. an der Niederwerfung eines örtlichen Bauernaufstands beteiligt. Darüberhinaus heißt es, er sein ein Adept der Schwarzen Künste gewesen, der sich nicht nur mit Alchimie beschäftigte, sondern auch auf "die Schwarze Pilgerfahrt nach Chorazin" gegangen sei – "and [he] had brought something or someone back with him." Wraxall scheint diese Geschichten nicht sonderlich ernst zu nehmen, selbst als ihm sein Wirt von dem grausigen Schicksal erzählt, das zwei Wilderer viele Jahre nach dem Tod des Herzogs in dessen Waldungen ereilt haben soll. Zugleich jedoch scheint er auf eigenartige Weise wie besessen von dem Gedanken an Magnus. Mehrfach besucht er dessen Mausoleum – wobei ihn seine Schritte zweimal zu dessen Schwelle führen, ohne dass er sich dessen recht bewusst gewesen wäre.
Tonight, for the second time, I had entirely failed to notice where I was going (I had planned a private visit to the tomb-house to copy the epitaphs), when I suddenly, as it were, awoke to consciousness, and found myself (as before) turning in at the churchyard gate, and, I believe, singing or chanting some such words as, “Are you awake, Count Magnus? Are you asleep, Count Magnus?”
Am Sarkophag des Grafen stehend überkommt ihn das morbide Verlangen, diesen zu öffnen, doch ist er mit drei schweren Vorhängeschlössern gesichert. Aber nach jedem seiner Besuche ist ein weiteres dieser Schlösser aufgebrochen, und als Wraxall bei seiner Abschiedsvisite im Mausoleum vor sich hin murmelt: "You may have been a bit of a rascal in your time, Magnus, but for all that I should like to see you, or, rather ", fällt auch das letzte Schloss zu Boden. Während seiner Rückfahrt nach England fühlt sich Wraxall mehr und mehr verfolgt von zwei unheimlichen Gestalten "a man in a long black cloak and broad hat, and another a ‘short figure in dark cloak and hood’"

Wie Rosemary Pardoe und Jane Nicholls in einem Artikel für Ghosts & Scholars detailliert ausführen, scheint es unmöglich zu sein, eine historische Quelle für die "Schwarze Pilgerfahrt" auszumachen. Der Name der alten Stadt Chorazin in Palästina verknüpft sie auf jedenfall mit den Legenden um den Antichristen, der hier zur Welt kommen soll. Der Titel von Magnus' Manuskriptfragment Liber nigrae peregrinationis, das Wraxall in der Bibliothek von Råbäck findet, könnte wiederum durch John Dees Liber Peregrinationis Primae inspiriert worden sein. Einen mehr nordischen Zug erhält die Geschichte durch die Beschreibung eines der Ornamente auf dem Sarkophag:
In a third, among trees, was a man running at full speed, with flying hair and outstretched hands. After him followed a strange form; it would be hard to say whether the artist had intended it for a man, and was unable to give the requisite similitude, or whether it was intentionally made as monstrous as it looked. In view of the skill with which the rest of the drawing was done, Mr Wraxall felt inclined to adopt the latter idea. The figure was unduly short, and was for the most part muffled in a hooded garment which swept the ground. The only part of the form which projected from that shelter was not shaped like any hand or arm. Mr Wraxall compares it to the tentacle of a devil-fish, and continues: ‘On seeing this, I said to myself, “This, then, which is evidently an allegorical representation of some kind a fiend pursuing a hunted soul may be the origin of the story of Count Magnus and his mysterious companion. Let us see how the huntsman is pictured: doubtless it will be a demon blowing his horn.’” But, as it turned out, there was no such sensational figure, only the semblance of a cloaked man on a hillock, who stood leaning on a stick, and watching the hunt with an interest which the engraver had tried to express in his attitude.
Hier nimmt Magnus auf einmal die Gestalt des "Wilden Jägers" an. Bei diesem handelte es sich ursprünglich ja um Wotan oder Odin und tatsächlich erinnert der Herzog mit seinem breitkrempigen Hut und seinem Stab wohl nicht zufällig an Darstellungen des altgermanischen Gottes.
Die Gestalt seines dämonischen Dieners bringt Ron Weighell in einem gleichfalls in Ghosts & Scholars veröffentlichten Artikel mit den keltischen Genii Cucullati oder "Kapuzendämonen" in Verbindung. Seine tentakelartigen Gliedmaßen lassen freilich eher an lovecraftianische Monstrositäten denken.

Erstaunlicherweise hat es bis vor etwa einem Jahr keine filmische Adaption von Count Magnus gegeben. Doch dann machten sich die britischen Indie-Filmemacher Daniel und Richard Mansfield daran, der Geschichte von Mr. Wraxalls unglücklichem Besuch in Råbäck die Gestalt eines ihrer faszinierenden und atmosphärischen Scherenschnittfilme zu verleihen. Wie bei der Übertragung in ein visuelles Medium nicht anders zu erwarten, wirkt manches hier sehr viel expliziter als in Montys Text, dafür besitzt der Streifen seine ganz eigene, phantasmagorische Qualität.


Samstag, 1. Juli 2017

Strandgut der Woche

Samstag, 24. Juni 2017

Strandgut der Woche

Mittwoch, 21. Juni 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E12: "Deliverance"

Es hat zwar sehr viel länger gedauert, als ursprünglich beabsichtigt, aber wir nähern uns dem Ende der ersten Staffel von Blake's 7. Wie eigentlich abzusehen war, habe ich es natürlich nicht geschafft, wöchentlich einen Beitrag für den Rewatch zu schreiben, aber ich bin schon ziemlich stolz darauf, dass es mir überhaupt gelungen ist, das Projekt bis hierhin durchzuziehen.Und ich hoffe doch sehr, dass auch ein paar meiner Leserinnen und Leser ein bisschen Spaß mit unser bisherigen Reise hatten.

Die letzten beiden Episoden Deliverance und Orac sind insofern recht interessant, als sie eine Art Zweiteiler bilden, und doch kein "echter" Zweiteiler sind, und auf einer Art Cliffhanger enden, der doch kein "echter" Cliffhanger ist.

Was ich damit meine?
Ziehen wir zum Vergleich den wohl berühmtesten Zweiteiler in der Geschichte der TV - Science Fiction heran: TNG's The Best of Both Worlds (1990). Die Geschichte vom Angriff der Borg auf die Föderation und Picards Assimilation in das Kollektiv wurde zwar nicht in einem Stück geschrieben, und der erste Teil – der das furiose Finale der dritten Staffel von Star Trek - The Next Generation bildete – endet auf einem wahrlich grandiosen Cliffhanger – Will Rikers "Mr. Worf ... Fire!" –, dennoch stellt The Best of Both Worlds eine organische Einheit dar. Alles, was im ersten Teil geschieht, besitzt Bedeutung auch für den zweiten Teil. Die episodische Struktur ist beinah vollständig überwunden.
Völlig anders im Falle von Deliverance und Orac. Die erste Episode legt zwar die Grundlage für ihre Nachfolgerin, bildet jedoch eine distinkte Einheit. Ein Gutteil ihrer Sendezeit wird von einer Geschichte in Anspruch genommen, die nichts mit dem die beiden Folgen verbindenen Thema zu tun hat, und die mit dem Ende von Deliverance zum Abschluss gebracht wird.

Der geniale Computertechniker Ensor hat sich vor Jahrzehnten dem Zugriff der Föderation entzogen. Gerüchten zufolge ist es ihm in der Zwischenzeit gelungen, ein Elektronengehirn von nie gekannter Kapazität zu erschaffen, dem er den Namen "Orac" verliehen hat. Doch unglücklicherweise hat der Wissenschaftler, kurz bevor er sich aus dem Staub machte, einen schweren Herzinfarkt erlitten, und besitzt seitdem ein künstliches Herz. Nun, da die Energiezellen, die den Apparat betreiben, schlappzumachen beginnen, sieht er sich gezwungen, doch wieder Kontakt mit der Föderation aufzunehmen. Als Unterhändler schickt er seinen Sohn (Tony Caunter) zu deren militärischem Hauptquartier. Hinter dem Rücken der politischen Führung schließt Servalan einen Handel mit ihm ab: Ensor Jr. kehrt mit den Energiezellen und einem Militärarzt zu seinem Vater zurück, und im Gegenzug wird dieser Orac für eine astronomisch hohe Summe an die Oberste Befehlshaberin verkaufen. Freilich hat Servalan nicht vor, tatsächlich zu zahlen. Sie sorgt dafür, dass Ensors Sohn und sein Begleiter auf ihrem Rückflug einen kleinen Unfall haben, und plant, danach ganz einfach zusammen mit Commander Travis den Supercomputer einzusammeln, nun da sie das Versteck des todkranken Erfinders kennt.
Doch der Zufall will es, dass die Liberator -Crew den "Unfall" beobachtet und sich auf die Suche nach den beiden Rettungskapseln begibt, die auf der Oberfläche des radioaktiv versuchten Planeten Cephlon eingeschlagen sind. Wieder einmal handelt es sich um die einstige Heimatwelt einer hochentwickelten Zivilisation, die sich durch einen Atomkrieg selbst den Garaus gemacht hat.  Doch anders als in Duel erwarten Avon, Jenna, Vila und Gan hier keine surrealen Szenarien, sondern degenerierte Pseudo-Neandertaler und eine geheimnisvolle Tür in einer Felswand. Es gelingt ihnen, die Kapseln zu bergen. Der Militärarzt ist tot, der schwerverletzte Ensor Jr. wird auf die Liberator gebracht. Doch unglücklicherweise ist Jenna in die Hände der wilden "Scavengers" gefallen, so dass das Landeteam noch einmal auf den kontaminierten Planeten zurückkehren muss, wo es schon bald selbst von den mutierten Höhlenmenschen überwältigt zu werden droht. Rettung naht, als sich plötzlich die mysteriöse Tür öffnet und den Zugang zu einer uralten Raketenkontrollstation freigibt. Hier werden unsere Helden von Meegat (Suzan Farmer) willkommen geheißen, die in Avon den prophezeiten Messias ihres untergegangenen Volkes zu erkennen glaubt, der von den Sternen gekommen ist, um "Erlösung/Errettung" ("Deliverance") zu bringen. Das kuriose Missverständnis gibt Anlass für ein paar ironische Kommentare Vilas ("Counting yourself, that makes two people who think you're wonderful"), doch obwohl Bescheidenheit ja nicht eben zu Avons Charaktereigenschaften gehört, scheint dieser weniger daran interessiert, seine neugefundene messianische Würde zu genießen, als vielmehr, das Geheimnis um die Prophezeiung zu lüften. Wie sich schnell herausstellt, handelt es sich bei "Deliverance" um eine Trägerrakete, mit der die einstigen Bewohner Cephlons ihr genetisches Erbgut auf eine andere Welt befördern und vor dem nuklearen Holocaust retten wollten. Unglücklicherweise gelang es ihnen nicht mehr, sie zu starten, und so blieb ihre einzige Hoffnung, dass irgendwann Besucher von den Sternen kommen und ihr Werk vollenden würden.
Am Ende der Episode ist Jenna befreit, Avon hat seine messianische Erlösungstat vollbracht, Ensor Jr. ist gestorben, nachdem er in Angst um seinen Vater versucht hat, die Liberator zu entführen, und Blake & Co befinden sich auf dem Flug zur Heimat des genialen Computerwisenschaftlers, um zu verhindern, dass Orac in die Hände von Servalan und Travis fällt, die sich gleichfalls dorthin aufgemacht haben.

Man könnte meinen, Deliverance habe ein ähnliches Problem wie Bounty – die Episode bestehe aus zwei Geschichten, die sich nicht wirklich zu einem befriedigenden Ganzen zusammenfügen. Doch ich denke, in diesem Fall sieht die Situation etwas anders aus.
Thematisch hat die Story um die alte Prophezeiung zwar nichts mit der übergeordneten Handlung zu tun, doch ist sie zumindest einigermaßen organisch in sie eingefügt: Der Versuch, Ensor Jr. zu retten, führt Avon und seine Gefährten auf den Planeten, und die Verzweiflungstat desselben Mannes lässt sie dort für eine gewisse Zeit gestrandet zurück.
Ich will nicht behaupten, die Geschichte selbst sei sonderlich originell,. aber für mich besitzt sie doch ihren Charme. Es ist amüsant, mitzuerleben, wie ausgerechnet der arrogante Avon zu einer gottgleichen Erlösergestalt verklärt wird, und der Start der "Deliverance" ist einer jener grandiosen Low Budget - Momente, die mir jedesmal das Herz aufgehen lassen. Selbstverständlich verfügte Blake's 7 nicht über das Budget, einen Raketenstart darzustellen, also griff man auf Stock Footage - Material zurück, da man dem Publikum zumindest irgendetwas zeigen wollte. Doch während die Rakete zuvor in einem unterirdischen Hangar untergebracht war, sehen wir sie eindeutig von der Oberfläche aus abheben!
Neben diesen neckischen Momenten, führt uns der B-Plot, wenn wir ihn so nennen wollen, außerdem zu diesem wunderschönen finalen Wortwechsel zwischen Blake und Avon:  
Cally: Did she [Meegat] really think you were a god?
Avon: For a while.
Blake: How did it feel?
Avon: Don't you know?
Was den größeren Handlungsbogen um Ensor und seine Erfindung angeht, so legt Deliverance wirklich nicht mehr als die Basis für die nachfolgende Episode. Genaugenommen lässt uns die Folge sogar im Unklaren darüber, was genau "Orac" eigentlich  ist.
Dafür kommen wir erneut in den Genuss einer großartigen Konfrontation zwischen Servalan und Travis.
Dem Space Commander wurde am Ende von Project Avalon sein Kommando entzogen. Um dieses zurückzugewinnen und seine fanatische Jagd nach Blake fortsetzen zu können, zwingt er sich dazu, der Obersten Befehlshaberin etwas diplomatischer und unterwürfiger zu begegnen als zuvor. Servalan durchschaut selbstverständlich seine Motive, was sie ihm auch in gewohnt charmant lächelnder Weise unter die Nase reibt. Keine Frage, sie genießt es, Macht über andere Menschen auszuüben.
Ähnliches haben wir bereits zuvor gesehen, doch was die Szene vor allem auszeichnet, ist Travis' Reaktion auf Servalans offenherziges Eingeständnis, den Tod des Militärarztes Maryatt billigend in Kauf genommen zu haben, wenn sie dabei zugleich Ensor Jr. los wird. Zum leider letzten Mal erhalten wir die Gelegenheit, zu bewundern, wie subtil Stephen Greifs Porträt des Space Commanders ist. Ganz offensichtlich beunruhigt ihn die absolute Skrupellosigkeit seiner Vorgesetzten in diesem speziellen Fall. Dass Maryatt der Arzt war, der Travis'nach seiner  fatalen ersten Begegnung mit Blake das Leben rettete, spielt dabei sicher keine geringe Rolle, doch wenn er von ihm als "a good man" spricht, kommt dabei auch die Anerkennung zum Ausdruck, die der einäugige Offizier bisher stets allen kompetenten und disziplinierten Angehörigen des Militärs entgegengebracht hat. Servalan zeigt sich in dieser Szene als pure Egoistin, die nur an ihren persönlichen Vorteil denkt, Travis hingegen als jemand, der sich bei aller Brutalität doch ein gewisses Maß an Menschlichkeit bewahrt hat, wenn auch in einer reichlich pervertierten Form. Sein Verlangen nach Rache an Blake ist zwar stärker als alle seine Prinzipien, doch scheint er wenigstens noch irgendwelche zu besitzen.


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Samstag, 17. Juni 2017

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Donnerstag, 8. Juni 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E11: "Bounty"

Es gehört zu den oft belächelten Eigenheiten von Star Trek – The Original Series, dass die Enterprise in schöner Regelmäßigkeit auf Planeten stößt, deren Kultur bis ins Detail einer vergangenen Epoche der Erdgeschichte gleicht. Sei es das Chicago der 20er Jahre in A Piece of the Action, Nazideutschland in Patterns of Force, die nordamerikanischen Indianer in The Paradise Syndrome oder der Wilde Westen in Spectre of the Gun. Der Grund für diese bizarren Szenarien war selbstverständlich Kostenersparnis. Die entsprechenden Sets, Kostüme und Requisiten waren bereits vorhanden, und die Drehbuchschreiber mussten sich bloß noch eine mehr oder minder hanebüchene Erklärung dafür ausdenken, warum sich Kirk & Co plötzlich unter Chicagoer Gangstern oder Weltraum-Nazis wiederfinden.
Angesichts des winzigen Budgets von Blake's 7 verwundert es nicht, dass auch Terry Nation und Chris Boucher wenigstens einmal den alten Trek-Trick bemühten. Natürlich hatte man schon zuvor mehrfach irgendwelche ordinären britischen Fabrikanlagen als Kulisse verwendet, doch hatten diese Militärbasen der Föderation vorstellen sollen. In Bounty bekommen wir mit dem Waterloo Tower aus dem Quex Park in Kent erstmals ein Gebäude präsentiert, das auch in der Realität der Serie einem irdischen Bauwerk aus einer vergangenen Ära nachempfunden sein soll.

Nach einer vernichtenden Wahlniederlage hat Sarkoff (T.P. McKenna), Ex-Präsident des Planeten Lindor, der Politik den Rücken gekehrt und sich in ein selbstgewähltes Exil unter der "freundlichen Obhut" der Föderation zurückgezogen, wo er sich nun in Selbstmitleid und Misanthropie ergeht. Außerdem kann er dort ungestört seinem Hobby, der alten Erdkultur, frönen – was erklärt, warum seine Residenz wie der Waterloo Tower aussieht und er selbst von seiner die Rolle der Chauffeurin/Butlerin spielenden Tochter Tyce (Carinthia West) in einem alten Rolls Royce (?) durch die Gegend kutschiert wird.
Dieses trügerische und etwas traurige Idyll wird zerstört, als Blake und Cally aufkreuzen und Sarkoff davon zu überzeugen versuchen, dass er auf seine Heimatwelt zurückkehren müsse. Die Wahlen seien ein abgekartetes Spiel der Föderation gewesen, um den prinzipientreuen Präsidenten loszuwerden. Nun drohe Lindor in poltitischen Fraktionskämpfen zu versinken, die sich bis zum Bürgerkrieg steigern könnten, woraufhin die Föderation "friedenssichernde" Truppen auf den Planeten entsenden und ein Marionettenregime errichten werde.
Derweil unsere beiden Helden den halsstarrigen Sarkoff bearbeiten {wobei Blake wieder einmal ein mitunter etwas fragwürdiges Verhalten an den Tag legt}, folgt die im Orbit befindliche  Liberator dem Notruf eines mysteriösen Schiffes, was den Auftakt zur zweiten Geschichte bildet, die Bounty zu erzählen versucht.

Und damit wären wir auch schon bei einem der fundamentalen Probleme dieser Episode. Sie besteht aus zwei Stories, die in keiner erzählerisch sinnvollen Beziehung zueinander stehen und nur deshalb in einer Folge zusammengefügt wurden, weil Terry Nation einfach nicht wusste, wie anders er die fünfzig Minuten Sendezeit hätte füllen sollen. Und selbst dann noch war sein Script zu knapp, und Regisseur Pennant Roberts sah sich gezwungen, einige Szenen künstlich in die Länge zu ziehen.

Das traurige dabei ist, dass ich den Sarkoff-Teil von Bounty wirklich mag.
Die Szenen, in denen Cally und Blake durch den Quex Park schleichen, den Ex-Präsidenten in seinem Oldtimer durch die Gegend fahren sehen und schließlich in den Waterloo Tower einsteigen, besitzen einen bizarren Low Budget - Charme. Sarkoffs "Privatmuseum" mit seinem Grammophon, seinen aufgespießten Schmetterlingen und seinen {vorsorglich stets feuerberiten} "vorsintflutlichen" Pistolen ist gleichfalls ein hübsch absurdes Set.
Auch gelingt es T.P. McKenna und Carinthia West*, Sarkoff und Tyce zu sehr lebendigen und sympathischen Figuren zu machen: Er der von der Menschheit enttäuschte Idealist, der seinen Zynismus und sein Selbstmitleid in einen Gestus der Abgeklärtheit zu kleiden versucht. Sie die unerschütterlich loyale Anhängerin und Tochter, die dennoch sehr schnell die sich ihr bietende Gelegenheit ergreift, um ihren Vater aus seiner Lethargie herauszureißen, damit er endlich wieder zu der Persönlichkeit wird, die sie liebt und bewundert.
Hinzu kommt, dass das Vorgehen der Föderation auf Lindor an zahllose "Regime Change" - Operationen erinnert, wie sie bis heute zum gern benutzten Inventarium westlicher Großmachtpolitik gehören. Wie oft haben wir miterleben müssen, wie die USA oder andere Großmächte bewusst die Destabilisierung einer existierenden Regierung vorangetrieben haben, um dann die {meist katastrophalen} Folgen als Vorwand für eine "humanitäre Intervention" der einen oder anderen Art zu nutzen.

Tja, doch leider haben wir da noch die zweite Story.
Dabei ist diese für sich genommen gar nicht einmal so übel: Eine Gruppe von Weltraumpiraten {mit einer unglücklichen Vorliebe für pseudo-arabisch/mesopotamische Gewänder} hat die Liberator gekapert. Ihr Anführer Tarvin (Marc Zuber) ist ein alter Bekannter aus Jennas Vergangenheit. Die Ex-Schmugglerin wechselt scheinbar die Seiten, und schon bald finden sich Blake, Cally, Avon, Vila und Gan als Gefangene auf ihrem eigenen Schiff wieder. Doch während Tarvin bereits von dem fetten Kopfgeld träumt, das die Föderation ihm zahlen wird, arbeitet die Gang schon eifrig daran, die Liberator zurückzuerobern.
Dieser zweite Teil von Bounty enthält genug nette Momente: Einmal mehr werden wir Zeugen der Kompetenz von Jenna, Vila und Avon, während Gan erneut seine Neigung zu gewalttätigem Verhalten zeigt. Als Zuschauer werden wir zwar kaum an den "Verrat" Jennas glauben, doch es ist nett, einen kurzen Einblick in ihre Vergangenheit zu erhalten. Und dass die meisten ihrer Gefährten sie für fähig halten, ihre Freunde zu verkaufen, ist gleichfalls nicht uninteressant.
Leider jedoch wirken Sarkoff und Tyce wie absolute Fremdkörper in diesem Szenarium. Was sie ja auch sind. Es wird nicht einmal so recht klar, war Tarvin mit ihnen anzustellen gedenkt. Alle halbherzigen Versuche, die beiden dennoch in die Handlung einzuflechten, hinterlassen einen extrem gekünstelten Eindruck.

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* Nebenbei bemerkt scheint die Schauspielerin,  Journalistin & Fotographin Carinthia West eine faszinierende Persönlichkeit zu sein, wie z.B. ein Blick in diesen Artikel aus Vanity Fair zeigt