"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Freitag, 30. Oktober 2015

"Anything can happen on Halloween"

Familiäre Verpflichtungen halten mich in diesem Jahr leider davon ab, Halloween auf angemessene Weise zu feiern, doch ist es mir glücklicherweise gelungen, mich zumindest lange genug in meine persönliche Gruft zurückziehen zu können, um einen kurzen Post zum Hohen Fest der Hexen und Gespenster zu schreiben. Als Objekt habe ich mir dafür The Worst Witch ausgesucht, Robert Youngs ungemein charmante Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchs von Jill Murphy aus dem Jahre 1986. Denn nicht nur spielt Halloween eine wichtige Rolle in der Story, der Streifen enthält auch diesen grandiosen Auftritt des unvergleichlichen Tim Curry:

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Ich muss zugeben, dass ich Jill Murphys Buch nicht gelesen habe, doch das Drehbuch von Mary Pleshette Willis soll der Vorlage ziemlich getreu folgen:

Mildred Hubbles (Fairuza Balk) erstes Schuljahr in Miss Cackles (Charlotte Rae) berühmtem Internat für angehende Hexen ist alles andere als angenehm verlaufen. Nicht bloß in den Augen ihrer Lehrerin Miss Hardbroom (der unsterblichen Diana Rigg), die der stets freundlichen Direktorin leider so gar nicht ähnelt, gilt sie als die mieseste Schülerin ihres Jahrgangs. Natürlich verhaut sie auch noch den finalen Test im Tränkebrauen, und als die jungen Hexen ihre ersten Katzen überreicht bekommen, erhält sie die einzige, die kein schwarzes Fell hat. Als wäre das alles nicht  schon schlimm genug, hackt die Klassenbeste Ethel (Anna Kipling), eingebildete Tochter eines traditionsreichen Hexenclans, auch noch ständig auf ihr herum. Wenigstens hat sie mit Maud Warlock (Danielle Batchelor) eine wirklich gute Freundin. Doch so sehr sich Maud auch bemüht, auch ihr gelingt es nicht, Mildred von ihren Minderwertigkeitskomplexen zu befreien. 
Als Halloween herannaht und bekannt wird, dass der Grand Wizard (Tim Curry), in den alle Schülerinnen (und auch Miss Hardbroom) fürchterlich verknallt sind, der Akademie einen Besuch abstatten wird, eröffnet sich Mildred endlich eine Gelegenheit, einmal zu glänzen. Sie darf am geplanten Formations-Besenflug teilnehmen. Dummerweise ist ihr eigener Besen bei einem verunglückten Trainingsflug zu Bruch gegangen, und ein nur notdürftig geflicktes Fluggerät soll bei solch einem illustren Anlass natürlich nicht zu sehen sein. Also ist unsere Heldin genötigt, sich den Ersatzbesen der versnobten Ethel zu leihen. Doch diese hat das gute Stück mit einem Zauber belegt, um Mildred einmal mehr vor aller Augen zu demütigen.
Als Mildred nach der erwartungsgemäß peinlich verlaufenen Halloween-Feier mit ihrem unangemessen gefärbten Kätzchen "Tabby" die Flucht aus dem Internat antritt, stolpert sie zufällig über den Hexenzirkel von Miss Cackles böser Zwillingsschwester Agatha, die einen diabolischen Plan ausgeheckt hat, um die Kontrolle über die Akademie zu übernehmen. Nun endlich wird sie wirklich zeigen können, was in ihr steckt.

Regisseur Robert Young ist Freunden & Freundinnen des Phantastischen vielleicht am ehesten durch Hammers wunderbar verrückten Vampire Circus (1972) und einige Episoden von Robin of Sherwood (1984-86) bekannt. Doch seine im Auftrag von ITV & HBO gedrehte Verfilmung von Jill Murphys Buch verdient meiner Ansicht nach mindestens ebenso große Anerkennung.

Freilich darf man an The Worst Witch nicht herangehen, als handele es sich um einen phantastischen Abenteuerfilm für Kinder. Agatha Cackles hinterhältiger Versuch, die Schule zu übernehmen, spielt im Grunde eine äußerst untergeordnete Rolle, und Mildreds Triumph über die fiese Hexe wird in wenigen Minuten abgehandelt. In Wirklichkeit geht es in diesem Film um Außenseitertum, Freundschaft und die oft so grausamen Hierarchien unter Kindern.
Und wie erfreulich ist es dabei, dass in einer Story, die sich ganz um heranwachsende Mädchen dreht, Jungs so überhaupt keine Rolle spielen. Womit Mildred zu ringen hat, ist nicht, wie sie irgendeinem "coolen Jungen" gefallen könnte {Tim Curry ist der einzige männliche Darsteller in dem Film}. Ihr Problem besteht vielmehr darin, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, und sich nicht länger von autoritären Lehrerinnen und fiesen Klassenkameradinnen herumschikanieren zu lassen. Wie Molly Tanzer es in einer lang zurückliegenden Episode von Films of High Adventure formuliert hat:
Boys can take it or leave it — whatever they want — because this is a story written by a girl (the author was apparently 15 when she started writing the first book) for girls, about girl stuff that isn’t makeup and nails and looking sexy. It’s about girls learning and playing and trying to find their place in the world and struggling with being outsiders among outsiders and all sorts of stuff.
Natürlich darf man nicht mit gar zu übertriebenen Erwartungen an den Film herangehen. Diana Rigg und Tim Curry geben erwartungsgemäß gute Leistungen ab, und auch die Kinderdarstellerinnen sind alles in allem überraschend überzeugend, doch trotzdem bleibt The Worst Witch eine Fernsehproduktion der 80er Jahre, voller billiger Sets und nicht eben grandioser Spezialeffekte. Was jedoch in meinen Augen durch so neckische Details wie die Pentagramme auf den Bettdecken oder die "Besen-Fliegen-Verboten" - Schilder in den Schulkorridoren mehr als aufgewogen wird. Und letztenendes sollte keines dieser eher "formalen" Argumente im Vergleich zu dem durchgehend menschlichen, warmherzigen und charmanten Charakter des Films ins Gewicht fallen.   
           
       

Dienstag, 27. Oktober 2015

Terrore nello spazio

Mario Bavas Terrore nello spazio / Planet of the Vampires aus dem Jahre 1965 ist ein beinah magisch anmutender Triumph des künstlerischen Genies über alle materiellen Widerstände. Die eigenwillige Mixtur aus "gothic" Horror und Pulp - SciFi ist beileibe kein makelloses Meisterwerk, aber wenn man sich die Umstände vergegenwärtigt, unter denen dieser Film gedreht wurde, wird man nicht anders können, als sich in stummer Bewunderung vor dem technischen Einfallsreichtum und ästhetischen Feingefühl des großen italienischen Genre-Regisseurs zu verneigen. Einfach gesagt: Der Film ist unendlich viel besser, als er eigentlich seien dürfte.

 
Die Schwächen von Planet of the Vampires sind unschwer auszumachen: Ein streckenweise ziemlich wirres Script, das unsere Helden & Heldinnen immer wieder zu erschreckend dummen Handlungen zwingt. Einige recht hölzern agierende und erbärmlich mies synchronisierte Darstellerinnen & Darsteller. Special Effects von zum Teil eher zweifelhafter Qualität {was mich aber eigentlich nur bei den Laserpistolen während des finalen Show Downs ein Bisschen stört}.

Doch diese Makel werden nahezu bedeutungslos, wenn man sie der großartigen Atmosphäre und bizarren Schönheit gegenüberstellt, die Bava seiner außerirdischen Welt zu verleihen versteht. Auch lassen sie sich allesamt sehr einfach aus den Bedingungen erklären, unter denen der Streifen entstanden ist.

Wie ich vor Zeiten hier schon einmal geschildert habe, kamen James Nicholson und Samuel Z. Arkoff, die Bosse von AIP (American International Pictures), zu Beginn der 60er Jahre auf die Idee, direkt in den italienischen Genrefilm zu investieren, nachdem sie mit den US-Rechten an Filmen wie Bavas La maschera del demonio / Black Sunday (1960; vgl. hier) und Gli Invasori / Erik the Conqueror (1961) bereits gutes Geld verdient hatten.  Eine der ersten dieser amerikanisch-italienischen Koproduktionen war I tre volti della paura / Black Sabbath (1963; vgl. hier), zu dem AIP auch den bei ihnen unter Vertrag stehenden Boris Karloff beisteuerten. Allerdings bereitete der zunehmend düstere, blutige und erotische Inhalt von Bavas Filmen Arkoff & Nicholson, die sich in Produktion & Verleih ganz auf das Teenager-Publikum in den Autokinos spezialisiert hatten, schon bald ziemliche Bauchschmerzen. Von Black Sabbath hatte man noch eine "entschärfte" – sprich entstellte & verkrüppelte – US-Fassung herstellen können. Bei Streifen wie La frusta e il corpo / The Whip and the Body (1963) oder Sei donne per l'assassino / Blood and Black Lace (1964) war dies kaum mehr möglich. Und so kappten AIP schon bald ihre Geschäftsbeziehungen zu Bava, doch nicht bevor sie zusammen mit Italian International Film und der spanischen Firma Castilla Cooperativa Cinematográfica Planet of the Vampires produziert hatten.
Die Rolle, die AIP bei der Produktion von Terrore nello spazio spielte, führte u.a. dazu, dass Mario Bava weniger Einfluss auf die Entwicklung des Scripts hatte, als bei vielen seiner anderen Filme. Am Anfang standen zwar er und Alberto Bevilacqua, der schon bei I tre volti della paura mitgewirkt hatte, doch ging das Drehbuch offenbar noch durch eine Reihe anderer Hände. Von amerikanischer Seite wurde mit Ib Melchior ein Spezialist für SciFi - Schlock auf das Projekt angesetzt, zu dessen Oeuvre u.a. The Angry Red Planet (1959), Reptilicus (1961), Journey to the Seventh Planet (1962), Robinson Crusoe on Mars (1964) und The Time Travellers (1964) gehörten. Melchior schrieb das englische Drehbuch. Wie groß sein Einfluss und der von Louis M. Heyward, Antonio Roman und Rafael J. Saliva tatsächlich war, entzieht sich zwar meiner Kenntnis, aber es ist selten ein gutes Zeichen, wenn gar zu viele Autoren an einem Script herumdoktern.
Der internationale Charakter der Produktion schlug sich auch in der Besetzung nieder. Zwar war es in italienischen Genrefilmen der Zeit keine Seltenheit, mindestens eine der Hauptrollen mit einem amerikanischen Schauspieler zu besetzen, doch bei Planet of the Vampires haben wir neben Barry Sullivan als Captain Mark Markary außerdem die Brasilianerin Norma Bengell und den Spanier Ángel Aranda. Jeder von ihnen trug seinen oder ihren Teil des Dialogs in der Muttersprache vor. Auf dem Set herrschte ein babylonisches Sprachgewirr aus Englisch, Portugiesisch, Spanisch und Italienisch, wobei keiner den anderen verstand. Wen wundert es da, dass ihr Zusammenspiel oft wenig überzeugend wirkt.
Die dritte Bürde, mit der die Produktion zu kämpfen hatte, war das trotz der Beteiligung von drei Firmen lächerlich kleine Budget. Mario Bava hat darüber später einmal erzählt:
I had nothing, literally. There was only an empty sound-stage, really squalid, because we had no money. And this had to look like an alien planet! I took a couple of paper – mache rocks from the nearby studio, probably left-overs from some sword and sandal flick, then I put them in the middle of the set, covered the ground with smoke and dry ice, darkened the background. Then I shifted those two rocks here and there and this way I shot the whole film.
Um so beeindruckender ist es, was Bava und Kameramann Antonio Rinaldi, der auch bei Operazione paura / Kill, Baby, Kill (1966) und Danger: Diabolik (1968) mit dem Maestro zusammenarbeiten würde, aus quasi nichts zu schaffen verstanden haben. Mit Hilfe von einigen kleinen Modellen, viel Trockeneis, farbigem Licht, ein paar geschickt eingesetzten Spiegeln, optischen Tricks und interessanten Kameraperspektiven verwandelten sie eine leere Bühne mit zwei Pappmaché-Felsen in eine phantastisch-surreal-unheimlich anmutende Landschaft von bizarrer Schönheit, die zum eigentlichen "Helden" des Filmes wird. Wieder einmal zeigt es sich, dass es keiner aufwendigen Spezialeffekte bedarf, um einem phantastischen Film eine intensive Atmosphäre zu verleihen. Und Bava fügte dem natürlich noch seinen ganz persönlichen Touch hinzu. Vor allem in der Farbgebung, dem Zusammenspiel von Blau, Grün, Violett und Rot.

Doch vielleicht sollte ich an  diesem Punkt erst einmal eine kurze Zusammenfassung des Plots von Planet of the Vampires einschieben:
Das Raumschiff Argos entdeckt eigentümliche Funksignale, die von einem unbekannten Planeten ausgesandt werden und auf intelligentes Leben hindeuten. Cpt. Mark Markary beschließt, eine Landung zu versuchen. Das Schwesterschiff Galliot, auf dem Marks Bruder dient, schließt sich dem Unternehmen an. Der Flug durch die Atmosphäre erweist sich als äußerst wild, doch das ist nur der Anfang der Probleme, die auf unsere wackeren Raumfahrer & Raumfahrerinnen warten: Kaum hat die Argos auf der Oberfläche aufgesetzt, da drehen die Mannschaftsmitglieder durch und versuchen sich aus unerklärlichen Gründen gegenseitig umzubringen. Einzig Mark behält einen klaren Kopf und regelt die Situation, indem er einen nach dem anderen k.o. schlägt, woraufhin die Crew allmählich zur Normalität zurückfindet. Die Schwierigkeiten sind damit allerdings noch lange nicht überstanden. Die Argos ist beschädigt und wird erst in ein paar Stunden wieder starten können, und als Mark & Co die nebelverhangene Umgebung ein Bisschen näher in Augenschein nehmen, entdecken sie die abgestürzte Galliot mitsamt abgemetzelter Crew. Nicht eben beruhigend, zumal einige der Leichen wenig später auf mysteriöse Weise verschwinden. Auch die seltsamen Lichterscheinungen, die einer der Wachtposten in dem unheimlich pulsierenden Nebel beobachtet, tragen nicht dazu bei, die Situation zu entspannen. Bald darauf glauben einige Männer, die eben noch zweifelsfrei toten Leute von der Galliot sehr lebendig, wenn auch etwas zombiehaft, durch die Gegend wandern zu sehen. Es dauert nicht lang, und es kommt zu den ersten Todesfällen unter der Argos-Crew. Doch damit noch nicht genug: Auf einem weiteren Erkundungstrip stoßen Mark und seine Kumpels auf ein zweites, sehr viel älteres Wrack und auf die monströsen Leichname seiner fremdartigen Besatzung. Mehr und mehr stellt sich das Gefühl ein, dass dieser Planet eine tödliche Falle ist. Und in der Tat: Unsere Helden & Heldinnen wurden von einer Gruppe von Energiewesen hierhergelockt, die es nach physischen Körpern verlangt, um dieser seit Äonen toten Welt zu entfliehen.

Planet of the Vampires ist ein auf faszinierende Weise zugleich "traditioneller" und extrem zukunftsweisender SciFi-Flick.
In Design und Aussehen orientiert er sich sehr stark an den alten Pulps. Um ehrlich zu sein, ich kann mich an keinen Film erinnern, der auf ähnlich elegante Weise die Pulp-Ästhetik auf die Leinwand zu übertragen verstanden hätte. Man braucht sich ja bloß die coolen Uniformen der Argos-Crew anzuschauen. {Oder spricht da jetzt der Lederfetischist aus mir?} Auch technisches Spielzeug wie der überlebenswichtige "Meteor Rejector" scheint direkt den Seiten eines alten SciFi-Magazins entsprungen. {Tatsächlich basiert das Drehbuch auf einer Story des mir unbekannten italienischen Autors Renato Pestriniero.}  
Inhaltlich hingegen wirkt der Film wie eine Vorwegnahme von Motiven, die gut anderthalb Jahrzehnte später mit Streifen wie Philip Kaufmans Remake von Invasion of the Body Snatchers (1978) oder John Carpenters The Thing (1982) im SciFi-Kino virulent werden sollten: Der paranoiden Furcht, dass sich hinter jedem noch so vertrauten Gesicht ein unmenschliches Monstrum oder eine blutgierige Bestie verbergen könnte. Dem entspricht das für ein Pulp-Abenteuer äußerst pessimistische Ende. Den finalen Twist werde ich hier zwar nicht verraten, aber soviel sei gesagt: Dass Mark & Co den vampirischen Energiewesen schließlich zum Opfer fallen, ist nichts das Schlimmste. Die Implikationen der Schlussszene sind weitaus finsterer.
Andererseits sollte man den "avantgardistischen" Charakter von Planet of the Vampires vielleicht auch nicht überbetonen. Das Motiv des kollektiven Blutrauschs, in den die Crews der Argos und der Galliot verfallen, weist unverkennbare Ähnlichkeiten zu Nigel Kneales sieben Jahre zuvor ausgestrahlter TV-Serie Quatermass and the Pit auf, die ich hier besprochen habe.
Was allerdings auf gar keinen Fall unerwähnt bleiben darf, ist die Tatsache, dass Terrore nello spazio neben It! The Terror From Beyond Space (1958) ganz offensichtlich eine der wichtigsten Inspirationsquellen für Ridley Scotts Alien (1979) gewesen ist. Scott und Drehbuchautor Dan O'Bannon haben dies zwar stets geleugnet, doch die Indizien sind einfach zu deutlich. Schon die Szene, in der die Argos aus den extrem tief hängenden Wolken herabgeschwebt kommt und mit ihren Landebeinen auf der Oberfläche aufsetzt, weckt Reminiszenzen an die Landung der Nostromo. Die nebelverhangene Planetenlandschaft weist gleichfalls gewisse Ähnlichkeiten mit den Bedingungen auf LV-426 auf. {Wobei die Ironie natürlich darin besteht, dass Bava seine außerirdische Welt vor allem deshalb so diesig gestalt hat, weil er damit das Nichtvorhandensein eines Sets verschleiern wollte. Ein Problem, dass Scott & Co sicher nicht hatten.} Die letzten Zweifel verfliegen, sobald Mark und Sanya das fremde Raumschiffwrack und seine tote Besatzung entdecken. Ohne Frage haben wir hier die direkte Vorlage für den "Juggernaut"/"Derelict" und seinen "Space Jockey" vor uns. Selbst in einigen Details des Raumschiffdesigns finden sich geradezu unheimliche Ähnlichkeiten.
Warum Scott und O'Bannon dennoch stets steif und fest behauptet haben, sie hätten Bavas Film nie gesehen, bleibt ein Rätsel. Zumal sie andererseits den Einfluss, den It! The Terror From Beyond Space auf die Entwicklung von Alien hatte, nie geleugnet haben. Black Dog's Lee Medcalf hat in einer alten Episode von Jim Moons Podcast Hypnobobs einmal die interessante These aufgestellt, die Verbindung zwischen Planet of the Vampires und Alien sei vielleicht gar nicht bei Scott oder O'Bannon, sondern vielmehr bei H.R. Giger zu suchen. Das wäre eine Erklärung. Wie wahrscheinlich sie ist, wage ich nicht zu beurteilen.
Wie dem auch sei, die Tatsache, dass man Terrore nello spazio zu den direkten Vorläufern von Alien zu zählen hat, beinhaltet eine wunderbar ironische Wendung. Das italienische Grindhouse-Kino ist berüchtigt dafür, erfolgreiche amerikanische Formate hemmungslos zu kopieren, und natürlich folgten auch dem Erfolg von Alien eine ganze Reihe billiger Knock-offs aus dem "Land, wo die Zitronen blüh'n". Das bekannteste – und wohl auch beste – Beispiel dürfte Luigi Cozzis Contamination aus dem Jahre 1980 sein. Dass Alien selbst – mithin einer der stilprägendsten amerikanischen SciFi-Filme aller Zeiten sich ausgiebigst bei einem italienischen Genrefilm bedient hatte, darf da als eine der großen Ironien der Filmgeschichte gelten.

Doch auch wenn man von solchen filmhistorischen Neckigkeiten einmal absieht, bleibt Planet of the Vampires ein äußerst sehenswerter Film. Immer vorausgesetzt, man ist bereit, über seine erwähnten inhaltlichen und darstellerischen Schwächen hinwegzusehen, um sich stattdessen ganz von Mario Bavas cineastischer Magie gefangennehmen zu lassen,.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Strandgut der Woche

Mittwoch, 21. Oktober 2015

"Then at a Deadly Pace / It Came From Outer Space" (II)

It Came From Outer Space aus dem Jahre 1953 ist ein Film vieler Premieren: Universals Einstieg in die Fifties - SciFi und der erste 3D - Film des Studios. Der Beginn von Jack Arnolds Karriere als Auteur der 50er Jahre - Film - Phantastik und zugleich seine erste Kooperation mit Produzent William Alland. Ray Bradburys erster Versuch, für Hollywood zu schreiben. Doch von all dem einmal abgesehen, ist der Film vor allem eins: Ein verdammt guter kleiner Science Fiction - Flick.


It Came From Outer Space ist in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von Earth vs The Flying Saucers. Kein globales Szenario mit UFO-Flotten und Armee-Batallionen, Topwissenschaftlern und 5-Sterne-Generälen. Alles bleibt beschränkt auf eine Kleinstadt in der Wüste von Arizona mit ihren ganz normalen Bewohnern – einem Hobbyastronomen, einer Lehrerin, dem örtlichen Sheriff, zwei Leitungsmonteuren. Statt auf grandiose Spezialeffekte setzt der Film auf eine intensive Atmosphäre und ein intelligentes Drehbuch. Dabei wirkt er zugleich wie eine subversive Antwort auf William Cameron Menzies' einen Monat zuvor in die Kinos gelangte Invaders from Mars {die ich hier besprochen habe}.

Der Plot ist relativ einfach. Sterngucker John Putnam (Richard Carlson) und seine Freundin Ellen Fields (Barbara Rush) beobachten eines Nachts einen spektakulären Meteoriteneinschlag. Als sie den dabei entstandenen Krater in Augenschein nehmen, entdeckt Putnam ein abgestürztes Raumschiff. Doch unglücklicherweise wird das außerirdische Gefährt wenig später durch einen Steinschlag verschüttet, und selbstverständlich glaubt niemand dem ohnehin als Exzentriker geltenden Hobbyastronomen seine Geschichte. Selbst Ellen ist zu Beginn skeptisch, und Sheriff Matt Warren (Charles Drake), der glaubt, den Beschützer der jungen Lehrerin spielen zu müssen, macht Putnam unmissverständlich klar, dass er ihn für einen Spinner hält, der besser seine Finger von der Tochter seines ehemaligen Chefs lassen sollte. Bald jedoch kommt es zu einer Reihe merkwürdiger Ereignisse. Irgendetwas oder irgendjemand treibt sich offenbar in der Wüste herum und hinterlässt dabei eine silbrig funkelnde "Schleimspur" im Sand. Dann verschwinden auf mysteriöse Weise die beiden Leitungsmonteure George (Russell Johnson) und Frank (Joe Sawyer), nur um weniger später eigenartig verändert zurückzukehren. Sollte doch etwas an Putnams wilder Story dran sein? Und haben die Aliens bereits begonnen, die Bewohner von Sand Rock in willenlose Zombies zu verwandeln oder gegen Simulakra auszutauschen? Alles scheint auf die alte Mine in der Nähe des Einschlagkraters als Zentrum der beunruhigenden Geschehnisse hinzudeuten. Matt zögert nicht länger, sondern organisiert einen Lynchmob, um die Außerirdischen auf "gut amerikanische Art" auszuräuchern, doch Putnam glaubt zu wissen, dass diese keineswegs feindselige Absichten verfolgen – selbst dann noch, als auch Ellen entführt wird.

It Came From Outer Space ist das Produkt des glücklichen Zusammentreffens einiger außergewöhnlicher Talente. 
William Alland hatte seine Karriere in den 30er Jahren als Schauspieler in Orson Welles' Mercury Theatre begonnen. Er hatte u.a. bei der legendären Radio-Adaption von War of the Worlds (1938) mitgewirkt, um später Parts in Citizen Kane (1941), The Lady from Shanghai (1947) und Macbeth (1948) zu übernehmen. Am bekanntesten dürfte er für die Rolle des Reporters Thompson in Welles' furiosem Debütfilm sein. Gegen Ende der 40er Jahre beendete er seine kurze Schauspielkarriere und begann als Produzent zu arbeiten, erst fürs Radio, ab 1951/52 für Universal. Während der 1947 einsetzenden antikommunistischen Hexenjagd des HUAC (House Un-American Activities Commitee) war Alland zum willigen Denunzianten geworden und hatte die Karrieren einer ganzen Reihe von Kollegen, u.a. die des in unserem letzten Post erwähnten Bernard Gordon, zerstört. Man darf annehmen, dass diese schrankenlose Kapitulation vor den Mächten des Establishment nicht ohne Folgen für Alland als Mensch und Künstler geblieben war. So könnte man den Umstand, dass er sich als Produzent schon bald auf den Science Fiction - Film zu konzentrieren begann, als ein mehr oder weniger bewusstes Ausweichen vor einer gar zu direkten Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität – und damit auch der Bedeutung seines eigenen Verrats – interpretieren. Doch solche Spekulationen einmal beiseite gelassen, Allands Bedeutung für den phantastischen Film der 50er kann nicht in Zweifel gezogen werden. Die Liste der von ihm produzierten Filme enthält neben It Came From Outer Space (1953) The Creature from the Black Lagoon (1954), Revenge of the Creature (1955), This Island Earth (1955), Tarantula (1955), The Mole People (1956), The Creature Walks Among Us (1956), The Deadly Mantis (1957; vgl. hier), The Land Unknown (1957), The Space Children (1958) und The Colossus of New York (1958). Die Qualität ist sicher schwankend, aber schon allein die Tatsache, dass Alland mitverantwortlich dafür war, dass Jack Arnold Universals Mann fürs Phantastische wurde, beweist, dass er ein gutes künstlerisches Gespür gehabt haben muss.
Als Arnold die Regie von It Came From Outer Space übernahm, hatte er noch nicht all zu viele Gelegenheiten gehabt, sein Talent unter Beweis zu stellen. Von Girls in the Night (1953) abgesehen bestand sein bisheriges Oeuvre ausschließlich aus Dokus und "Propaganda" - Streifen. {U.a. With These Hands [1950]  für die International Ladies Garment Workers Union ein Film, der scheinbar auch eine Dramatisierung des "Triangle Fire" von 1911 enthält, was mich denn doch etwas neugierig gemacht hat}. Doch da er bereits in jungen Jahren ein begeisterter Leser von SciFi-Stories gewesen war, schien er geradezu prädestiniert dazu, in diesem Genre zu glänzen. Und tatsächlich zeigt schon sein erster phantastischer Streifen sehr deutlich Arnolds große Stärken: Die Fähigkeit, mit filmischen Mitteln eine sehr intensive, beunruhigende Atmosphäre zu schaffen, sowie eine straffe und ökonomische Erzählweise.
In meinen Augen darf Jack Arnold als ein echter Auteur des phantastischen Films gelten. Die von ihm geschaffenen Streifen sind allesamt Ausdruck eines distinktiven persönlichen Stils. Doch wenn ich gefragt würde, welche davon ich für seine besten halte, meine Antwort wäre: It Came From Outer Space und The Incredible Shrinking Man (1957). Und was diese beiden über den Rest hinaushebt haben wir wohl weniger dem Regisseur als vielmehr den Ideenliferanten & Drehbuchautoren zu verdanken: Ray Bradbury und Richard Matheson.
Von den beiden war Bradbury ohne Zweifel der um Klassen bedeutendere. In welchem Umfang der Film seinem ursprünglichen Scriptentwurf "The Meteor" folgt, kann ich nicht beurteilen. Glaubt man dem, was der Schriftsteller selbst darüber gesagt hat, so beschränkte sich die finale Überarbeitung auf einige kosmetische Veränderungen.:
They got, in essence, an entire screenplay for the grand sum of three thousand dollars, which was my final salary for the four or five weeks I had stayed on at the studio. With the treatment in hand, they fired me and hired Harry Essex to do the final screenplay (which, he told me later, was simply putting frosting on the cake). Why had I made it so easy for him, he asked when I met him later. Because, I replied, I was a fool, and I was in love with an idea a good combination for writing but a bad one when you find yourself back out on the street supporting a family.
Ray Bradburys erste Erfahrung als Drehbuchschreiber war also nicht unbedingt die glücklichste, was ihn allerdings nicht davon abhielt, drei Jahre später am Script für John Hustons Adaption von Moby Dick mitzuarbeiten. Doch auch wenn er sich wohl etwas über den Tisch gezogen fühlte, war er andererseits erfreut, dass sich die Leute bei Universal dafür entschieden hatten, die von ihm bevorzugte Version seiner Story {er hatte mehrere Fassungen eingereicht} zu verwenden. Die nämlich, in der die Aliens keine Bedrohung darstellen. Weniger glücklich war er, dass man in Arnolds Film die Außerirdischen in ihrer natürlichen Form zu sehen bekommt. In der Tat das vielleicht größte Manko des Streifens, doch ein "Creature Feature" ohne "Creature" wäre den Studiobossen {und vielleicht auch dem Regisseur} wohl etwas zu "experimentell" gewesen.

Was genau macht nun die besondere Qualität von It Came From Outer Space aus?
Da wäre zuerst einmal die typisch "arnoldeske" beunruhigende Atmosphäre. Zu ihrem Heraufbeschwören verwendet der Regisseur einerseits auf sehr effektvolle Weise die menschenleere Wüstenlandschaft, die in ihrer Weite, Ödnis und Stille zu einer quasi-außerirdischen, geheimnisvollen und potentiell bedrohlichen Welt wird. Wie es einer der Leitungsmonteure ausdrückt: "You can see lakes and rivers that aren't there and sometimes you think the wind gets into the wires and sings to itself". Ein Setting, dessen unheimliches Potential Arnold u.a. in Tarantula erneut ausnutzen würde. Hinzu kommt, dass eine ganze Reihe von Szenen aus der Perspektive der mysteriösen Aliens gedreht sind. Wir schauen auf sehr wörtliche Weise "durch ihr Auge", beobachten und verfolgen die Menschen.
Doch so wichtig dieses atmosphärische Element für die Wirkung des Filmes auch ist, es sind seine Ideen, die ihn zu einem wirklich außergewöhnlichen Beitrag zum SciFi-Kino der 50er Jahre machen.
Das kleinstädtische Setting bildet zwar wie gesagt einen deutlichen Gegensatz zum "globalen" Panorama eines Flicks wie Earth vs. The Flying Saucers, ist im phantastischen B-Movie der Zeit aber ziemlich verbreitet. Doch während die Kleinstadt in Filmen wie Invaders from Mars als ein Ort der Unschuld, als Verkörperung des "gesunden", unverfälschten, kleinbürgerlichen amerikanischen Idylls erscheint, das von den bösartigen Außerirdischen bedroht wird, ist seine symbolische Bedeutung in It Came From Outer Space eine ganz andere. Unser Held John Putnam lebt aus gutem Grund nicht in Sand Rock selbst, sondern in einem Haus draußen in der Wüste. Abgestoßen von der Kleingeistigkeit der Gesellschaft hat er sich in dieses Semi-Eremitentum zurückgezogen. Er ist zwar kein Zyniker oder Misanthrop, aber ganz offensichtlich fühlt er sich in der konformistischen Welt der 50er Jahre nicht heimisch, deren beispielhafter Vertreter Sheriff Matt Warren ist. Hierin liegt der ideelle Kern des Films.
Wenn die Außerirdischen beginnen, einige der Bewohner von Sand Rock gegen seelenlos wirkende Simulakra auszutauschen, dann spielt der Film mit Motiven, die in der literarischen und spätestens seit Invaders from Mars auch in der filmischen – Science Fiction der Zeit weit verbreitet waren {und für viele Jahre verbreitet bleiben würden}. Ich sage bloß: The Puppet Masters und Invasion of the Body Snatchers. Doch letztlich handelt es sich dabei um eine Art Red Herring. Was wie der Beginn einer stillen Invasion aussieht, stellt sich am Ende als eine durch die Umstände aufgezwungene Taktik der Aliens heraus, die verzweifelt versuchen, ihr Raumschiff wieder flugtüchtig zu machen, bevor ihre Anwesenheit entdeckt wird. Dass sie dazu die Gestalt von Menschen annehmen, die sie zuvor entführt haben, hat einen einfachen Grund: Sie fürchten, ihre wahre Gestalt müsse auf Menschen so grotesk und abstoßend wirken, dass diese mit Gewalt darauf reagieren würden. Und tatsächlich sehen sie sich am Ende ja mit einem von Matt – dem Vertreter der offiziellen Autorität – angeführten Lynchmob konfrontiert.
It Came From Outer Space ist offenbar verschiedentlich als "a metaphorical refutation of the supposedly xenophobic attitudes and ideology of the Cold War" interpretiert worden. Doch das greift meines Erachtens zu kurz. Mit dem Kalten Krieg hat der Flick in meinen Augen überhaupt nichts zu tun. Und auch mit Fremdenfeindlichkeit nur indirekt. Die Aliens sind die archetypischen "Anderen". Sie stehen für alle, die – aus welchem Grund auch immer in den Augen der "Allgemeinheit" fremd, grotesk oder abstoßend wirken. Kurz gesagt – für alle, die nicht der Norm entsprechen. Der Film richtet sich nicht allein gegen die spezifische, von der antisowjetischen Hysterie angeheizte Fremdenfeindlichkeit der 50er Jahre, sondern ganz allgemein gegen Intoleranz, Kleingeistigkeit und Konformismus, die nur gar zu schnell zu Gewalt gegen all diejenigen führen können, die "anders" sind als "wir". Was It Came From Outer Space zu einem {leider} immer noch sehr aktuellen Film macht.