"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Mittwoch, 22. Mai 2013

"Monster? We are British!"

Der Cushing-Woche zweiter Teil

Beim Anblick dieses französischen Filmplakats zu Eugenio Martíns Horror Express schießt einem vermutlich als allererstes durch den Kopf: Was, bei Carmillas hübschen Fangzähnen, hat Kojak in einem europäischen Horrorflick von 1972 verloren? Damit das klar ist: Telly Savalas ist cool, aber wer bitte schön würde erwarten, ihn neben Peter Cushing und Christopher Lee im Film eines Regisseurs zu sehen, dessen Spezialität vor allem Low Budget - Horrorstreifen, Spaghettiwestern und Musikkomödien waren?*
Das Geheimnis ist schnell gelüftet: Martin, Savalas und Produzent Bernard Gordon hatten kurz zuvor bereits bei Pancho Villa zusammengearbeitet. Freund Kojak hatte dabei die Rolle des mexikanischen Revolutionärs gespielt, was schon weit weniger verwunderlich wirkt. Sehr viel erstaunlicher ist darum eigentlich auch, dass es Gordon gelang, Peter Cushing und Christopher Lee für das Projekt zu gewinnen. Tatsächlich wäre dieser Coup beinahe gescheitert, da der vom Tod seiner Frau Helen zutiefst erschütterte Cushing im letzten Moment absagen wollte. Es war sein Freund Lee, der die Situation mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen doch noch rettete, wie Gordon in einem Interview erzählt hat:

Christopher, who is garrulous at the best of times, started talking to Cushing, joking, reminiscing, and filibustering for about an hour. Neither Cushing nor I could get a word in. Never once did Christopher address the film or Peter's intention to go home. At the end, we were both worn down, and Christopher said, "All right, Peter, see you at work tomorrow," and left. That was it.
Der vor allem als Drehbuchautor bekannte Bernard Gordon ist eine äußerst faszinierende Gestalt. Er gehörte zu jenen amerikanischen Filmkünstlern, deren Leben & Karriere durch die Schwarzen Listen der McCarthy-Zeit wenn schon nicht völlig zerstört, so doch auf jedenfall nachhaltig beschädigt wurden. Als linker Aktivist und Mitbegründer der Screen Readers Guild war der 1918 geborene Sohn jüdisch-russischer Immigranten Anfang der 40er Jahre in die KP eingetreten. Er war nur einer von vielen amerikanischen Künstlern und Intellektuellen gewesen, die sich in jener Zeit  radikalisiert durch die Große Depression und den Aufstieg des Faschismus in Europa – sozialistischen Ideen zuwandten. Er selbst schrieb später darüber: "Right or wrong, people were there because they were outraged about the existing woes and evils of the world and wanted to do something to correct them." Als das House Un-American Activities Commitee (HUAC) 1947 damit begann, Hollywood von allen linken Elementen zu säubern, geriet auch Gordon schon bald ins Visier der Hexenjäger. William Alland**, der zu einem bereitwilligen Informanten geworden war, versorgte das HUAC mit seinem Namen. Gordon weigerte sich, vor dem Kommitee zu erscheinen, und landete alsbald auf der Schwarzen Liste, was bedeutete, dass er von nun an keine Aufträge mehr von den großen Studios erhielt. Produzent Charles Schneer  vielleicht am bekanntesten durch die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit seinem Freund Ray Harryhausen – vermittelte ihm schließlich unter der Hand einige Jobs. So schrieb Gordon u.a. das finale Drehbuch für Earth vs. The Flying Saucers (1956). Die Bezahlung freilich war äußerst bescheiden, und Gordon war, wie so viele Opfer der antikommunistischen Säuberungen, gezwungen, unter dem Namen eines Freundes zu arbeiten. Schließlich entschied er sich, nach Spanien auszuwandern. Aber selbst in Europa waren die Auswirkungen der Schwarzen Liste noch zu spüren. So musste Gordon es hinnehmen, dass in den meisten Filmen Philip Yordan als einziger Autor genannt wurde, obwohl er den Hauptteil der Arbeit geleistet hatte. Das für Freunde & Freundinnen des Phantastischen interessanteste Beispiel hierfür dürfte die erste Verfilmung von John Wyndhams Day of the Triffids aus dem Jahr 1962 sein. Ende der 60er Jahre kehrte Gordon in die USA zurück, wo es ihm jedoch nachwievor sehr schwer fiel, Arbeit zu finden. Eine ehemalige Kollegin aus Madrid vermittelte ihm schließlich den Auftrag, das Script für eine Filmadaption von Margaret Atwoods Surfacing zu schreiben, das 1981 von Claude Jutra umgesetzt wurde. Doch blieb dies seine letzte Arbeit in der Filmindustrie. Als die Academy 1999 dem Regisseur Elia Kazan, der einer der prominentesten Denunzianten der McCarthy-Ära gewesen war, einen Oscar für sein Lebenswerk verlieh, gehörte Gordon zu den entschiedendsten Organisatoren der Proteste gegen diese öffentliche Versöhnung des Hollywood-Establishments mit dem dunkelsten Kapitel seiner Geschichte.*** Er starb am 11. Mai 2007.
Eine beeindruckende Persönlichkeit, daran kann kein Zweifel bestehen. Gordons größter Stolz waren diejenigen seiner Filme, die zu Kultstatus gelangt waren. Horror Express ist einer von diesen, und das völlig zurecht:


Der Film beginnt mit einer kurzen Einleitung, wie sie in einer Erzählung von H.P. Lovecraft stehen könnte:
The following report to the Royal Geological Society by the undersigned Alexander Saxton is a true and faithful account of the events that befell the society's expedition in Manchuria. As the leader of the expedition, I must accept the responsibility for its ending in disaster. But I will leave, to the judgement of the honorable members, the decision as to where the blame for the catastrophe lies...
Erwähnte Expedition hat die Überreste eines prähistorischen humanoiden Wesens zu Tage gefördert, die Professor Saxton (Christopher Lee) und seine Assistentin Miss Jones (Alice Reinheart) nun mit der Transsibirischen Eisenbahn von Shanghai (oder Peking?) nach Europa zu transportieren gedenken. Doch noch vor der Abfahrt kommt es zum ersten Todesfall. Opfer ist ein chinesischer Dieb, der sich an der Kiste mit dem "Fossil" {das eher wie eine Mumie aussieht} zu schaffen gemacht hat. Die Augen des Toten sind reinweiß, ohne Iris oder Pupille, und der Mönch Pujardov (Alberto de Mendoza) – eine Art Westentaschen-Rasputin – wittert sogleich die Anwesenheit satanischer Mächte. Saxton zeigt sich jedoch uninteressiert. Dass sein alter Intimfeind Dr. Wells (Peter Cushing) gleichfalls mit dem Zug nach Moskau fährt, belastet ihn sehr viel mehr als der Tod irgendeines dahergelaufenen Asiaten. Und so macht man sich denn auf die Reise. Mit von der Partie sind außerdem der polnische Graf Petrovski (George Rigaud) und seine junge Frau Irina (Silvia Tortosa), Vater Pujardov, der Ingenieur Yevtushenko (Angel del Pozo), der russische Polizeibeamte  Mirov (Julio Peña) und die hübsche Natasha (Helga Liné), die sich schon bald als Spionin entpuppt. Und wie zu erwarten, dauert es nicht lang, bis die nächste Leiche auftaucht. Der Verantwortliche ist gleichfalls schnell gefunden: Saxtons "Fossil" ist zum Leben erwacht und legt einen ausgesprochen mörderischen Charakter an den Tag. Was folgt ist eine typische "Monster an Bord" - Geschichte, die jedoch durchaus eigene Züge trägt. Wie sich herausstellt, haben wir es nämlich nicht einfach mit einem amoklaufenden Hominiden aus der Vorzeit zu tun. Vielmehr beherbergt das "Fossil" ein außerirdisches Geistwesen, das über die Fähigkeit verfügt, Erfahrung und Persönlichkeit seiner Opfer in sich aufzusaugen. Im Notfall kann es außerdem den Wirtskörper wechseln.
Zugegeben, sonderlich originell klingt der Plot nicht gerade. Doch erstaunlicherweise macht das überhaupt nichts, denn die besondere Qualität dieses Filmes liegt nicht in seiner Handlung. Es fiele nicht schwer, zu zeigen, dass vieles von dem, was wir zu sehen bekommen, in Bezug auf Logik und innere Konsistenz wenig Sinn macht. So liegt dem Streifen zwar eine typische SF-B-Movie-Idee zugrunde, doch zugleich findet sich genug, was eher in Richtung eines übernatürlichen Grauens verweisen würde. Das krasseste Beispiel dafür dürfte eine Szene sein, in der Gräfin Irina plötzlich eine gespenstische Melodie zu hören glaubt und auf ihrem Klavier nachspielt. Sollen wir wirklich annehmen, dass das von einer außerirdischen Intelligenz kontrollierte Urmenschen-Fossil angefangen hat, die Titelmelodie vor sich hin zu pfeifen? Wohl kaum. Doch wenn wir anfangen, solche Fragen zu stellen, sind wir bereits auf dem besten Weg, uns ein großartiges Filmvergnügen zu vermiesen. Denn Horror Express lebt in erster Linie nicht von seiner Geschichte, sondern von seiner Atmosphäre. Ähnliches gilt auch für die handelnden Personen. Als einzelne genommen stellt keine von ihnen einen voll ausgeformten Charakter dar. Doch was in den meisten Filmen eine Schwäche wäre, fällt hier keineswegs negativ auf. Zwar beweist Drehbuchautor Arnaud D'Usseau großes Geschick darin, den Figuren mit einigen winzigen, doch sehr pointierten Dialogfetzen individuelle Züge zu verleihen, aber ihre wirkliche Stärke entfalten sie als Ensemble.
Der beste Weg, um zu verdeutlichen, was ich damit meine, scheint mir ein Vergleich von Horror Express mit Sidney Lumets Murder on the Orient Express (1974) und John Guillermins Death on the Nile (1978) zu sein. Was ich an diesen Agatha Christie - Verfilmungen liebe sind in erster Linie nicht das jeweilige Mordkomplott und seine Aufklärung, sondern das Bild, das sie von  einer europäischen Upper Class - Gesellschaft in einer "kolonialen" Umgebung zeichnen. Der Balkan bzw. Ägypten sind bloß "exotische" Kulissen, "Eingeborene" dürfen maximal die Rolle komischer Nebenfiguren spielen. Doch was bei Christie selbst vermutlich Ausdruck einer von den Traditionen des Empire geprägten Weltsicht war, erhält in den Filmen meiner Ansicht nach einen wunderbar ironischen Charakter. Man bekommt den Eindruck, als ob all diese reichen und schönen Ladies und Gentlemen, ganz gleich wo auch immer sie sich hinbegeben, ihre eigene kleine Welt von Gier, Eitelkeit und Eifersucht mit sich herumtragen.
Ganz ähnlich wirkt auf mich auch Horror Express. Zuerst mag man es irritierend finden, dass es beinahe unmöglich ist, echte Sympathie für eine der Hauptfiguren zu empfinden. Aber irgendwann wird man erkennen, dass dies Absicht ist. Unsere "Helden" verkörpern ganz wie die Reisegesellschaft in Death on the Nile die europäische Upper Class des Kolonialzeitalters. Saxton ist das Urbild des steifen britischen Gentleman, und sein einziges Interesse scheint darin zu bestehen, mithilfe des sensationellen Fundes seine gesellschaftliche Reputation zu steigern. Tote Chinesen und Russen fallen da nicht wirklich ins Gewicht. Sein anfänglicher Rivale Wells wirkt zwar sehr viel entspannter und damit menschlicher, legt aber ganz dieselbe Arroganz an den Tag. Beide halten sich offenbar für Vertreter einer überlegenen Zivilisation. Graf Petrovski und seine Frau geben kaum ein besseres Bild ab. Das dekadente Aristokratenpaar genießt seine eigene "Unmoral", während es sich zugleich den Mönch Pujardov als eine Art Hofnarren hält, den zu demütigen den beiden offenbar großen Spaß bereitet. All dem wird im Grunde noch eins drauf gesetzt, sobald Telly Savalas seinen {ziemlich kurzen, aber nichtsdestoweniger großartigen} Auftritt als Kosakenhauptmann Kazan hat. Wenn die versnobten Passagiere des Zuges zuvor die russischen Polizisten mit kaum verhüllter Herablassung behandelt haben, lässt der brutale Kazan seinerseits keinen Zweifel daran, dass er in ihnen nichts weiter sieht als "Bauernpöbel". Sehr bald schon bekommen Sexton und Wells die Gewehrkolben seiner Jungs zu spüren, derweil der Hauptmann den armen Pujardov mit seiner Nagaika fast zu Tode prügelt. Die "kolonialistischen" Briten mögen arrogante Arschlöcher sein, aber das heißt noch lange nicht, dass das zaristische Russland nicht noch sehr viel barbarischer sein könnte.

Ich würde nicht behaupten wollen, dass Horror Express die Verschmelzung von phantastischen Motiven mit dem ironischen Blick auf die privilegierte Schicht des beginnenden 20.Jahrhunderts hundertprozentig gelungen wäre. Letztlich ist der Streifen eben doch bloß ein atmosphärischer Horrorflick in der Tradition von Hammer & Co. In dieser Hinsicht ähnelt er irgendwie der Titelmelodie von John Cacavas {der witzigerweise auch die Musik für Kojak geschrieben hat}. Für einen simplen "Monster an Bord" - Flick wirkt diese eher unpassend, doch wenn man über den vordergründigen Plot hinausschaut, ist sie genau der richtige Sound für Horror Express:




* Faszinierend freilich klingt die Besetzung von Martins Abenteuerstreifen Die goldene Göttin vom Rio Beni (1964): Pierre Briece, Gillian Hills, René Deltgen und Harald Juhnke!?! Da muss ich doch mal ein bisschen nachgraben ...
** Alland war selbst einmal ein Linker gewesen und hatte in drei von Orson Welles' Meisterwerken (Citizen Kane, The Lady from Shanghai und Macbeth) mitgewirkt. Als Produzent zeichnete er später u.a. für Jack Arnolds It Came from Outer Space (1953) & The Creature from the Black Lagoon (1954) sowie für den SciFi-Film This Island Earth (1955) verantwortlich.
*** Vgl.: David Walshs äußerst lesenswerten Essay Filmmaker and informer.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen